Málà málà – Das wohlig stechende Prickeln von Sichuanpfeffer

Donnerstagabend 29-AUG-2014

Meine chinesischen Kollegen sind mit mir abends Essen gegangen. Da sie wussten, dass ich gerne scharf und gut gewürzt esse, haben sie in einem Sichuan Restaurant reserviert. Das Menu war ein representativer Querschnitt durch die Küche Sichuans – der absolute Wahnsinn, ein Fest, definitv ein Höhepunkt; wenn nicht der Höhepunkt meiner kulinarischen Reise durch China.

Zur Vorspeise gab es einen kunstvoll zusammengepressten Zylinder aus Grüngemüse und gebratenen Tofu-Stücken. Die Kollegen nannten es Gras – schmeckte allerdings besser als Gras.

Als weiteren Appetizer gab es Koushuiji – Kǒushuǐ jī – Mouthwatering chicken. Ich nenne es die Sichuan-Variante des bei mir schon berüchtigten San Huan Jí. Dieses Deja vu überraschte nicht …

Die Hauptgänge.:

- Gong Bao Shrimps

- “Innereieneintopf” bestehend aus Magen, Leber, Nieren und diversen andere …
Filetstückchen vom Aal rundeten das ganze ab. Der Aal schmckte phantastisch. Leider sehr ölig/fettig aber vom Geschmack und Konsistenz exzellent – zerging auf meiner jauchzenden Zunge :-9

- Frosch/Kröte

- Qualle

- Wels

Ach ja, es versteht sich von selbst, das ein Großteil der Gerichte mit Lastwagenladungen an Sichuanpfeffersorten, Chili und Chili-Öl serviert wurden.

Außerdem gab es zwischendurch noch Suppen, damit die Wartezeit auf den Fisch schneller rumging ;-)
Was genau in der Suppe war – kein Ahnung. Sah aus wie Zucchini — war nach Aussage der Kollegen aber keine Zucchini.

Zum Nachtisch gab es ganz brav Früchte – mehr wäre nach dem Gelage gar nicht möglich gewesen

Was für mich als Capsaicin-Junkie die Sichuanküche zu einem herrlichen Erlebnis erhebt, ist neben der Schärfe von Chili und Pfeffer noch ein prickelnd-picksender Feuerwerkseffekt, der später als Nachbrenner hinzukommt, wenn die brennende Schärfe langsam abklingt. Es fühlt sich auf der Zunge, auf den Lippen und teilweise im Rachen an, wie viele kontinuierliche, sehr feine Nadelstiche. Ein Gefühl von feuriger Chilischärfe und prasselnd-picksendem Prickeln.
Im Chinesischen als “málà” bezeichnet -> die englische Übersetzung der n dwr Wikipedia ist “numbing hot”. Allersings nicht stark betäubend.

Diesen Spezialeffekt habe ich an meinem ersten Abend in Shanghai schon beim Fast Food Nudeleintopf gemerkt – bei weitem nicht so intensiv wie an jenem Abend im Sichuan Restaurant, aber spürbar. Im ersten Moment dachte ich mir die Zunge an den Nudeln verbrannt zu haben. Es war jedoch ein ganz schwacher Vorgeschmack auf jenes Schärfe-Feuerwerk das ich am Abend mit den chinesischen Kollegen im Sichuan Restaurant erleben durfte.
Die Innereien, der Fisch und vor allem die Froschschenkel hatten neben der feurigen Schärfe von Chili diesen prickelnden Spezialeffekt. Wie gesagt, Für einen Capsaicinjunkie wie mich ist die authentische Sichuanküche ein herrliches Erlebnis.

Als ich an meinem letzten Wochenende in einem anderen Sichuan Restaurant essen war, kam dieses Gefühl nicht auf. Leider war auch deren Gong Bao Jí. recht lasch – schmeckte fast, als wäre es aus einer Supermarktdose aufgewärmtes Instantfood. Auch bei dem als Spezialität bezeichneten brutzelnden Calamaritentakeln in Chili, schmeckte ich nur Schärfe – das prickelnde Picksen blieb aus. Das Picksen muss also durch eine besondere Zutat hervorgerufen werden. Es muss also noch etwas anderes sein, als nur der Sichuanpfeffer oder Chili. Was könnte es sein? Die chinesischen Kollegen war unfähig es zu erklären.

Wochenendeinkauf auf den Lebensmittelmärkten in alten Seitenstraßen Shànghǎis

Leser mit schwachem Gemüt oder leicht reizbarem Magen sollten ihren aktuellen Gemütszustand prüfen, vor dem Weiterlesen.

In diesem Kapitel widme ich mich Lebensmittelmärkten die ich abseits der Touristenrouten in Seitenstraßen der “traditionellen” Wohngebiete Shanghais erlebte. Es ist tatsächlich ein Erlebnis. Dagegen schrumpfen die überfüllten deutschen Lebensmittelmärkte am Samstagsvormittag auf einen Kindergeburtstag. Auf den Straßenmärkten die ich in Shanghai am Wochenende erlebte, herrschte dichtes Gedränge – Straßenmarkt bedeutet hierbei wortwörtlich “auf der Straße”. Viele Stände haben nicht mal Tische, sondern präsentieren die bunte Auslegeware direkt auf Decke oder Plane an der Straße.

Hier gibt es nichts, was es nicht gibt.

Manch einem würde sich wahrscheinlich nur beim Gedanken der Magen umdrehen. Ernsthaft, ich warne nochmals: letzte Chance noch den Artikel zu schließen. Bilder dazu gibt es aus Gründen der Fairness gegenüber den schwachen Gemütern nicht direkt in diesem Artikel, sondern demnächst in meinem Picasa Account. [Update 10-SEPT-2014Hier das Bilderalbum zum Beitrag. Videos sind mittlerweile hier auf youtube zu finden.

Was wird auf den Lebensmittelmärkten angeboten? Logischerweise rohes Obst und Gemüse, Getreidesorten, Gewürze, Hülsenfrüchte etc. etc. Desweiteren Fleisch, Fisch, Schalen-, und Krustentiere und eine Vielzahl anderer Meeresfrüchte.
Was ich den chinesischen Einkäufern zugute halten kann: Die Ware muss frisch sein. Viele Kleintiere die für den Kochtopf bestimmt sind, werden auf dem Markt noch lebend angebote. Allen voran: Fische aller Größen, Farben und Exodusstadien. Krebse, Krabben, Sepien, Aale und Meeresfrüchte. Meist stehen Wasserwannen an der Straße, in denen die Meeresbewohner auf ihren Abnehmer warten.

Naturlich gibt es auf dem Markt auch Hühner und Enten. Apathisch warten sie hier auf den Käufer oder die Hinrichtung auf der Straße. Ich habe auf einem Markt, den ich nach meinem Jadebuddha-Besuch erkundete, gesehen wie die Hinrichtung vollzogen wird: Die Ente wurde in einen Topf mit kochendem Wasser getaucht und danach gerupft – weitere Kommentare erspare ich dem Leser -> Eine vom Siedewasser triefendnasse Ente kann einen Hundeblick aufsetzen …

Für Kunden die ihre Fleischbeilage nicht ganz so frisch brauchen, gibt es Hühner und Enten in diversen Verarbeitungsstufen: gerupft oder geköpft, zerteilt, schon zerlegt in Rumpf, Flügel, Füße oder noch weitere Einzelteile. Was für frisch geschlachtetes Huhn gilt, gilt gleichermaßen für Fisch, Aal, Tintenfisch und Co.:
Kurzer Prozess mit dem scharfen Schlachtmesser und dann gleich am Stand ausnehmen. Triefend-glitschiges Gedärm landet entweder neben dem Stand oder in bessern Fällen in einem Eimer für Schlachtabfälle. Manche Tiere werden aber auch lebend gekauft und in Platiktüten nach Hause getragen. Schalen- und Krustentiere bilden Ausnahme im Verarbeitungsprozess. Da sie lebend in den Kochtopf müssen, werden diese auch lebend verkauft; meist verschnürt, damit sie nicht entwischen können und mit Eis werden sie zusätzlich in Kältestarre gehalten.

Größere Tiere habe ich auf dem Markt nicht lebend gesehen. Hier wurden die Körperteile schon für den Markt vorbereitet – alle Teile der für Shànghǎi typischen Küche: Schweinekopf (in verschiedenen Phasen der Verwertung – z.B. Kopf ohne Rüssel, mal nur der Rüssel oder Ohren, Schweinepfötchen, Enten-/Hühnerbeine (entweder im Ganzen, kurz vor der Zubereitung in mundgerechte lange Krallenstücke gehackt). Alles was der Abdecker übrig lässt, gilt hier noch als beliebte Delikatesse oder Zwischensnack.

Oder in der Mitte geteilte Fische. Fast ausschließlich findet man die Fische mit weißem Fleisch bei denen man dann sehr gut die raushängenden, rötlich schimmernden Därme erkennt. Hier findet der Abnehmer die unbehandelte Fleischware gleich neben der Gemüseabteilung des Nachbarstandes. Wie war das noch gleich mit dem Verwenden von unterschiedlichen Hackbrettern für Fleisch und rohes Gemüse?

Der Geruch auf solchen vollgestopften Märketen in Seitenstraßen ist unnachmlich: salzig, faulig, süßlich, bitter, stechend, wohlig, auch chemisch, rauchig, schmierig feucht … hier hat man eine Mischung aus diversen Gerüchen. Ein Wechselspiel aus tierisch-menschlichen Ausdünstungen und industriell-chemischen Endprodukten. Abgestandener Blutgeruch und Gedärm wie in einer Schlachterei – nur ohne die Hygieneseife. Dann die Abgase der Straße: Benzin und Styrolyseprodukte. Die schwüle Luft und drückend stehende Hitze lässt eine Melange gären, die eine Aufgabe in der Meisterprüfung eines Parfümmischers sein könnte.

Auch die Geräuschkulisse ist ein Erlebnis: Lärm von tuckernden Auto- und Mopedmotoren, surrende Elektroroller, Hupen, greinende Menschen, schimpfende und mäkelde Kunden bei der Warenbeschau, weinende oder kreischende Kinder, lachende, singend/summende Muttchens, Hundegebell, vereinzelt Gegacker von Hühnern, das Klatchen von Fischen und Aalen in ihrem Wannengefängnis. Auch Klatschen auf die Straße, wenn Fische/Aale mit einem verzweifelten Sprung der kleinen Waschwanne tatsächlich entkommen – und nur kurze Zeit später vom fluchenden Verkäufer wieder eingesammelt werden.

 

Lieber Leser, danke für die Aufmerksamkeit bis hierhin. Leser kann froh sein, dass es noch keine Möglichkeit gibt die Gerüche aufzunehmen und hier bei wordpress mit dem Artikel zu verknüpfen. Obwohl man die alten Seitenstraßen und Hinterhofgarküchen Shànghǎis am besten mit allen Sinnen erlebt;-) Erleben ist das Wort der Wahl.

我家餐厅 – Wǒ jiā cāntīng – Ich zuhause in Kantine :-)

Sonntag 24-AUG-2014
Zum Mittagessen sollte es diesmal wieder eine Spezialität aus Shànghǎi werden. Im Lonely Planet war ein Restaurant im French Consessision aufgeführt, was angeblich nur lokale Küche auftischt – speziell Fisch und Meeresfrüchte. Laut LP Beschreibung gutes Preis-/Leistungsverhältnis. Man solle nur nicht zu viel vom Service erwarten. Da das Lokal mit Namen 我家餐厅 (Wǒ jiā cāntīng) im schicken French Consession liegen sollte, kam bei mir wieder Skepsis auf, doch mir war nach Fisch und Meeresfrüchten. Warum nicht ausprobieren? Ich kann mit meinem kaum vorhandenen mandarin sogar einen Großteil des Restaurantnamens übersetzen :-)

Allerdings, die Adressbeschreibung mutete etwas seltsam an: Das Haus sollte mit Adressangabe an einer mehrspurigen Straße liegen, weitere Bezeichnung war “Lane” und dann erst die Hausnummer.
Tatsächlich lag das Haus mittig in einer abzweigenden Seitenstraße. Die Hausnummer habe ich gefunden, auch ein kleines rotes Schild über der Tür sagte 我家餐厅,  dass ich das Lokal gefunden hatte, nur sah es ganz und gar nicht nach einer Gaststätte oder Restaurant aus. Es war ein ganz normaler, kleiner Hauseingang eingezwängt in Mehrfamilienhäuserblock/-zug. Sehr ungewöhnlich. Keine wirklichen Anzeichen für ein Restaurant abgesehen vom Schild über der Tür mit Aufschrift 我家餐厅.

"Lane" - Seitenstraße

“Lane” – Seitenstraße

In dieser Seitenstraße liegt die Gaststätte

In dieser Seitenstraße soll das Restaurant liegen

Soll das der Eingang zum Restaurant sein?

Soll das der Eingang zum Restaurant sein?

Die Tür stand halboffen und gab den Blick in den beladenen Hauseingang frei. Hinter der Schwelle stand ein Haustierkäfig in welchem eine Katzenmutter ihre Jungen säugte. Vergilbte Wände, irgendwo spielte ein Radio. Restaurant? Auf mein “Ni hao?” kam keine Antwort. Um ganz sicher zu gehen, fragte ich den Pförtner jener Seitenstraße: “我家餐厅?” Er nickte bestätigend: “我家餐厅” – wǒ jiā cāntīng. Mir schien die Situation seltsam, aber ich dachte: “Also los, ab ins Abenteuer: wǒ jiā cāntīng!” Ich betrat den halbdunklen Korridor und ging immer geradeaus auf die nächste Korridortür zu.

Katze im Hauseingang

Katze im Hauseingang

Korridor im Hauseingang

Korridor im Hauseingang

… hinter dieser landete ich in einem mit ausgebleichten roten Teppichen und Wandbehängen ausgekleideten Raum. Dort standen mehrere runde Tische wie man sie für Essensgesellschaften in China nutzt. Außerdem saßen drei Chinesen im Raum verteilt. An einem Tisch hing ein Mann mit seiner Zigarette am Aschenbecher, dann noch ein anderer Mann in beiger Kleidung – scheinbar Koch – und eine Frau. Als mich die Tür in jenes Zimmer ausspuckte, verstummte die Unterhaltung der drei wie mit dem dumpfen Klopfen eines Küchenbeils. Wenn ich schon ihre Aufmerksamkeit hatte, so fragte ich ob sie englisch können:”Yi wen?” – Ich blickte in fragende Gesichter. Also entweder stimmte mal wieder meine Betonung der Frage “Englisch?” nicht, oder die drei sprechen weder englisch noch chinesisch. Dann unternahm ich noch einen Versuch: “Dibuqi, wǒ jiā cāntīng?”
Die Konfusion löste sich nicht.
Der Mann mit Zigarette ergriff die Initiative unter den dreien und bellte los. Er erkannte, dass ich kein Wort seines chinesischen Lamentierens verstand und schnatterte daraufhin munter weiter. Oder sprach er shanghainesisch? Jedenfalls quasselte er weiter auf mich ein und gestikulierte dann Richtung gegenüberliegender Tür. Die habe ich dann auch genommen.
Das Abenteuer ging weiter, denn ein niedriger, schief gefliester Durchgang führte an der Küche vorbei …

Vorratskammer im Küchendurchgang

Vorratskammer im Küchendurchgang

Küche

Küche

Küche

Küche

Kücheneingang

Kücheneingang

Vorratsbereich im Küchenkorridor

Vorratsbereich im Küchenkorridor

Wo bin ich hier gelandet?

Wo bin ich hier gelandet?  我家餐厅, wo denn sonst?

… in einen kleinen, spartanisch eingerichteten Raum. Dieser sah mit Tischen und Bänken schon eher nach Gaststätte aus. Die weiße Einrichtung wirkte urig. Hier wurde ich mit gleichgültigem Blick vom vermeintlichen Gastwirt willkommen geheißen …

Die eigentliche Gatstätte

Die eigentliche Gatstätte

… hier bediente scheinbar noch der Herr des Hauses persönlich. Er war Ende fünfzig/vielleicht schon in seinen Sechszigern. Mit schlaffer Handbewegung ließ er das laminierte Heftchen, dass die Speisekarte  darstellter vor mir auf den Tisch patschen.
Das chinesiche Menu hatte zu meiner Überraschung putzige englische Übersetzungen der einzelnen Speisen. Es gab auch tatsächlich Fisch auf der Karte. Da ich Tintenfisch probieren wollte, und in der Karte auch fündig wurde, bestellte ich Tintenfisch mit “salzigem Gemüse”- wobei ich gelernt habe englischen Übersetzungen von chinesischen Speisen zu misstrauen.

Händewaschen auf der Toilette an der ich vorher vorbeikam. Ich kam wieder durch die halboffene Hinterhofküche, wo der Koch mit einem Hackebeil den Kalmar vorbereitete. Hätte ich mir den Anblick ersparen können? Es schien, dass der Kopffüßler die letzte Zeit in der Tiefkühltruhe verbracht hatte … Immerhin, wenig später wurde dampfend-heiß serviert und damit waren die Tintenfischstreifen zumindest durchgegart.

Außerdem gab es Tofu mit getrockneten, stark gesalzenen Fischstückchen. Die Mahlzeit deckte mühelos meinen Wochenbedarf an Salz.

Sepia / Kalmar
Sepia / Kalmar

Mittagessen

Mittagessen

Tofu mit eingesalzenem Fisch

Tofu mit eingesalzenem Fisch

Der Gastwirt ließ sich nicht von meiner Anwesenheit stören bei seinem Kassensturz . Ich saß in seinem Rücken. Entweder ist er ausländische Gäste gewohnt oder er war genervt und wollte es sich durch die Flucht in sein Kassenbuch nicht anmerken lassen.

Der anderer Mann von nebenan trat herein und musterte mich verhalten, aber mit merklicher Neugier. Obwohl er mit seinem Rotzhochziehen, umständlicher Art sich die nächste Zigarette anzuzünden und erhobenem Kinn den starken Mann markieren wollte, verriet seine unsichere Körperhaltung und sein verwundert, neugieriger Blick, dass er nicht so genau wusste, was er von meiner Anwesenhwit halten sollte.

Auch der Koch ließ es sich nicht nehmen argwöhnisch aber neugierig den fremden Gast zu begutachten, der scheinbar besser mit Esstäbchen umgehen kann, als vermutet. Unter dem Vorwand etwas mit dem Chef klären zu wollen, kam der Koch aus der Küche herüber und warf einen unkenden Blick in meine Richtung. Um ihm zu zeigen, wie gut mir das versalzene Gemüse schmeckte, begann ich komplimentierend zu schmatzen.

Dass ich nach dem Begleichen meiner Rechnung gerne vom Gastwirt den Zettel haben wollte, auf dem er meine Bestellung notiert hatte, verstand er nicht so recht. Die Rechnung war korrekt. Ich wollte den Zettel nur als Andenken an diesen “Culture Clash” – und natürlich um später bei einem chinesischen Nachzufragen, was bei meiner Bestellung notiert worden ist. Als Trost gab mir der Chef drei Zettel aus einem Quittungsheftchen.
Als ich mich zum Gehen Richtung Küche abwandte, kam durch eine gegenüberliegende Tür ein junges chinesisches Pärchen. Aha, gibt scheinbar auch einen richtigen Haupteingang statt der Hintertür. Ob dies der Lonely Planet schon wusste? Den Hintereingang hatte ich bereits lieb gewonnen und ich lies es mir nicht nehmen wieder den Hintereingang zu benutzen. Auf dem Weg nach draußen schoß ich noch ein paar Fotos zur Dokumentation dieser ungewöhnlichen Gaststätte.
Beim Verabschieden sagte der Koch der im Wohnzimmer saß noch “Tschüss!” – Das der Koch – wohl eher zufällig als gewollt – ein Wort deutsch konnte, setzte diesem kuriosen Essen noch die Krone auf.

Reiskocher im Flur

Reiskocher im Flur

Zweite Küche

Zweite Küche

我家餐厅 – Wǒ jiā cāntīng – Ich zuhause in Kantine :-)

Eine Tempeltour geht noch: Die Pagode von Longhua – Buddhistischer Wolkenkratzer

Sonntagmorgen 23-AUG-2014
Relativ früh bin ich gestartet und leider durch Metrofahrt und längeren Fußmarsch trotzdem erst nach Toröffnung am Longhua Tempel im Südwesten Shanghais angekommen. Es herrschte schon starker Andrang. Touristengruppen kamen in Reisebusladungen an, um einen der ältesten Tempel Shanghais zu sehen.
Zudem schienen im Tempel noch Vorbereitungen für ein Refugium oder eine Art Gottesdienst im Gange zu sein, was die Menschenansammlung durch Gläubige noch zusätzliche verstärkte. Entweder ist der Eintritt zum Tempel frei oder in dem Trubel um die Andachtsvorbereitungen wurde nicht so genau abkassiert. Ein Verschlag in der Außenmauer das bei anderen Tempeln zum Ticketverkauf genutzt wird, wirkte an jenem Morgen verwaist.

Einer der vielen Schreine  im Longhua Tempel

Einer der vielen Schreine im Longhua Tempel

Alleinstellungsmerkmal der Tempelanlage von Longhua ist ihre letzte noch erhaltene große Pagode vor den jetzigen Tempelmauern. Betreten darf man sie allerdings nicht. Ist auch besser so. Attraktionen wie der schiefe Turm von Pisa oder der Eiffelturm halten durch permanente Instandhaltung den großen Besucheransturm aus. Bei dem Fluss von chinesischen Touristen die an den Wochenenden durch Tempelanlagen pilgern, müssten Pagoden auch permanent instand gehalten werden. Solche Aufwände sprengen womöglich das Budget von Klöstern.

Am Fuße der Pagode

Am Fuße der Pagode

Pagode von Longhua

Pagode von Longhua

Jene Pagode büßt leider durch die Umzingelung von Baustellen an ihrer Fotogenität ein. In Shanghai wird gebaut – überall, zu allen Tageszeiten und an jeglicher Infrastruktur. Straßen, Brücken, Metro und vor allem: Hochhäuser und Hochhäuser und noch mehr Hochhäuser.
Einige wenige “Buddhistische Wolkenkratzer” stehen zumindest noch an der ein oder anderen Stelle in Shanghai.
Über die Verwendung der noch übrig geblieben Pagode von Longhua hätte ich gerne mehr erfahren. Zumindest ob es sich hier um eine Pagode für die Aufbewahrung der Buddhafigur handelt oder als Grabstätte für Lehrmeister gebaut wurde. Buddhistische Wolkenkratzer.

Random Thoughts – Shànghǎi

Bazaar at Yuyuan Garden

Bazaar at Yuyuan Garden

None of the colleagues told me to be prepared for heavy and constant rain falls. My packing list for the hot, humid, and relentless summer sun of Shànghǎi only comprised light summer clothing. Had I known that this would be a wet alate summer I would’ve packed rubber boots. First week, my feet were always wet when commuting to and from work.
The assumption of summer weather was too big and the real rain season would start when I am already gone.

In the first week I never saw the sun. It was hidden behind dust, ozone, or grey rain clouds.
When I was walking the last few hundreds meters on pedestrian walk back home to my apartment at late evening/early night, the sun has already set down somewhere behind the cloudy curtains in the west. However, a sleepless city like Shànghǎi knows no closing hours. In those moments the scene in Shànghǎi reminds me of Ridley Scotts vision of the megacity in Blade Runner. The picture includes heavy rainfall that forms large and smeary puddles on the pavement, neon-flashes from advertising light walls on every second building that light up the crowded streets, street vendors, beggars, honking speeding cars, yelling, shouting, traffic signal flashes, roaring engine noise, people commuting. This is the sci-fi vision of such a megacity that already manifested itself as Shànghǎi. Although, the sugary soft drink advertised in the movie is written in Chinese letters in Shànghǎi . … and of course, the flying cars are missing. ;-)

Concerning cars and traffic: The honk is an essential tool and sth. any visitor immediately notices. Cars and especially motorcycles keep going even when there is a red traffic signal. The honk is used to warn others when speeding through streets of Shànghǎi. Even public busses honk to signal that they also use the street and might use it with higher velocity than allowed. Speaking of which, didn’t notice road signs with speed limit except for signs at entrace of hotels saying 5 km. SO FAR noticed no traffic accident.

 

“People’s Square” – Should be renamed into “People square” – because there are a lot of people ;-) Exactly those pictures you know from crowded pedestrian crossings and crowded metro stations – busiest metro station that I have seen so far … etc. etc.

In the metro, most Chinese will use the escalators instead of the stairs. Good for me because I can accelerate my pace when running up the stairs and avoiding the crowd.

Concerning crowds. Chinese must love crowds – or they found a way to accept them and to live with the overpopulation ;-)

Überall Rotzen, Niesen, Husten, Gähnen ohne sich die Hand vor den Mund zu halten.

Andere Länder, andere Sitten, andere Tischmanieren

Kulinarisches Shànghǎi – Teil 2

Frühstück in China habe ich schon durch paar subjektiv erlebte Einschätzungen beschrieben. Wobei mir dabei das Pendler-Frühstück aufgefallen ist, das viele Shanghaier auf dem Weg zur Arbeit an Straßenständen kaufen. Mit dieser Einschätzung liege ich ganz gut, wie mir folgender Webartikel bestätigte. Der Artikel ergänzt noch was man in Shànghǎi u.a. zum Frühstück isst:
http://www.culinarybackstreets.com/shanghai/2013/shanghai-street-foods/

Nach der unfreiwilligen Bekanntschaft mit dem SanHuangJí, will ich mich in der verbleibenden Zeit lieber den typischen Köstlichkeiten einer Hafenstadt wie Shànghǎi widmen: Fisch und Meeresfrüchten

In einem Restaurant in der Foodstreet Yunnan Lu versuchte ich mein Glück mit Fisch und Meeresfrüchten und wurde auch fündig. Das Gericht was ich bestellte wurde auf der Speisekarte als Suppe mit Meeresfrüchten beschrieben. Die Abbildung dazu war wie immer irreführend. Die vermeintlichen Fischfilets entpuppten sich als bauchige Mehlnudeln; ähnlich wie zu dick geratene Spätzle. Zu meiner Überraschung waren aber noch Muscheln in der Suppe dabei.

Meeresfrüchte mit Gurken, Pilzen und "dicken Nudeln"

Meeresfrüchte mit Gurken, Pilzen und “dicken Nudeln”

Es hat sehr gut geschmeckt, war jedoch ein sehr heftiges Mittagessen, weil ich dazu noch Jaozi bestellt hatte. Die Portionen fallen häufig größer aus, als gedacht…

Hier noch ein kleines Goodie in Bezug auf Dumplings:

http://www.theworldofchinese.com/2014/04/7-ways-to-wrap-a-dumpling/

French Consession

Freitagabend 22-AUG-2014
Essen mit Kollegen im French Concession. Es überraschte nicht, dass das Restaurant der Wahl im Lonely Planet aufgeführt ist. Ich war skeptisch, denn zum einen war es ein japanisches Restaurant – warum in China japanisch essen wenn die chinesische Küche mir noch so viel Neues bieten kann? Zum anderen war das Lokal gehobenere Preiskategorie als meine sonstigen Essensgelegenheiten.
Der Nobelschuppen heißt Kagen und serviert Tepanaki – Bei dieser Art japanischen Essens bereitet der Koch bzw. Grillmeister auf heißer Platte die Speisen direkt am Tisch der Gäste zu. Das war nett anzusehen und vor allem köstlich. Trotz meiner Skepsis empfehlenswert und an jenem Abend ein sehr gutes Preis/Leistungsverhältnis.

In jener Nacht habe ich gelernt, dass die Metro nur bis knapp 23Uhr fährt.
So konnte ich einen nächtlichen Verdauungsspaziergang durch das French Consession zurück zu meiner Unterkunft unternehmen. Das Viertel hatte mich bisher nie sonderlich interessiert. Ist zwar das dickste Kapital im Lonely Planet – hat aber de facto kaum Attraktionen keine tatsächlichen Sehenswürdigkeiten. Abgesehen von den Backsteinhäusern aus den 1920/30ern (genannt Shikumen) und den labyrinth-gleichen, engen Gassen zwischen jenen Hauserzügen. In zwei Bereichen wurden diese Wohnviertel in kleine Shoppingstraßen umgebaut. Tizianfang und Xintiandi – beide vollgestopft mit Designerbotiquen, Nobelschuppen, hippen Cafes, Restaurants, Bars, Einkaufsmöglichkeiten, gehobenen und ausgefallenen Souvenirshops und sonstigen chicen Läden die sinn- und nutzwertbefreite Gegenstände verkaufen. Wie überhaupt das restliche French Consession voll davon ist. Also der Stadtteil wo Hipster aller Nationen auf vielen Wegen Geld auf den Kopf hauen können. Erst recht auf der breiten Huaihai Lu, der mehrspurigen Verkehrsader an der riesige Designermalls stehen.

Nachtspaziergang durchs French Consession - Typisches Geschäft

Nachtspaziergang durchs French Consession – Typisches Geschäft

Samstagmittag 23-AUG-2014
Nach der zweiten Tempeltour habe ich wieder einen Abstecher ins French Concession unternommen. Zum einen um die wenigen Sehenswürdigkeiten dort abzuhaken, zum anderen um vielleicht noch eine kleine Stärkung abzugreifen bevor es mich vielleicht um die Mittagszeit in ein Museum zieht.
Das Backsteinhaus in dem Mao lebte steht als Museum nicht unweit einer Foodstreet.
Die ‘Wujian Leisure Street’ war allerdings enttäuschend für mich. Nur Cafes und Restaurants die schick konform der Noblesse des restlichen French Consessions angepasst sind. Auch Mao mochte wahrscheinlich nicht , dass ich als Stärkung vorher japanische Tintenfischbällchen gegessen habe. Zum einen war sein Museum geschlossen, zum anderen brach ein heftiges Gewitter los, was mich erstmal unter dem Vordach eines Straßenladens festhielt.  Der Regenschirm lag brav im Hotelzimmer. Nach 2 Tagen mit trockenen Füße und ohne Regen hatte ich nun wieder einen Nachmittag mit durchweichten Schuhen.

Maos Haus

Maos Haus

Erhaltenes Backsteinviertel

Erhaltenes Backsteinviertel

Alltag in den erhaltenen Backsteinvierteln

Alltag in den  Backsteinvierteln – Toller Kontrast von Hinterhofromantik und Wolkenkratzerdominanz

Nachmittags habe ich mir im French Concession den/die/das Tianzifang anzusehen. Das ist eine kleines Labyrinth innerhalb der Gassen zwischen den erhaltenen nd konservierte staurierten Shikumenhäusern.
Shikumen ist die Fusion aus Backsteinhäusern europäischen Baustils mit chinesischen Elementen. Populär geworden in 1920ern 1930ern mit florierender Wirtschaft und Bevölkerungsexplosion in Shanghai. Mehrere Familien lebten hier auf engem aber finanzierbarem Raum.
Im Gegensatz zu anderen alten Wohngebieten werden diese Gebäude im French Consession ganz besonders konserviert – quasi Denkmalschutz auf shanghainesisch.

Sonntag 24-AUG-2014
Weiterbildung im Shanghai Urban Planning and Exhibition Center (kurz: SUPEC). Hier gibt es ganz interessante Ausstellungen über die Geschichte der Stadt, die vergangene und zukünftige Stadtentwicklung.
Es gibt auch ein Stadtmodell, diverse Simulatoren und meiner Meinung nach ziemlich viel PR…

… und seltsamerweise hat mich das French Consession wieder angezogen. Nach meinem verspäteten aber abenteuerlichen Mittagessen bei Wǒ jiā cāntīng bin ich Richtung French Consession spaziert um den zweiten Gassenmarkt im French Consession anzusehen: Xintiandi
Im Vergleich zu Tianzifang bietet Xintiandi mehr Raum zwischen den Shikumenhäusern; damit auch mehr Raum für Cafes, Bars, Boutiquen… also für mich nicht so anziehend. Zumindest habe ich auf dem Weg zurück die Straßenzüge auf die ich von meinem Balkon aus blicken kann auch von unten gesehen.

Ein seltsames Wochenende. Mein Fazit zum French Consession: Been there, seen it, let’s move on ;-)