Das Wort das man nicht ausspricht …

Bevor meine regulären Berichte über Monterrey folgen, zuerst ein ernster Beitrag über die Situation die unsere Reise in Monterrey begleitet hat und die das Leben im Norden Mexikos überschattet.

Ein sehr ernstes Problem in Mexiko habe ich schon in dem ein oder anderen Beitrag kurz erwähnt. Es herrscht Krieg, ein Drogenkrieg. Es geht nicht um den Drogenkonsum, sondern vielmehr um die Bandenkriminalität die mit den ansässigen Drogenkartellen einhergeht. Durch zwei Drogenkorridore wird Rauschgift von Südamerika durch Mexiko in die USA geschmuggelt (aber wohl auch innerhalb Mexikos verteilt). Ein Korridor verläuft entlang des Pazifiks, der andere entlang des Golfs bzw. durch den Osten. Die Routenpunkte wechseln, doch der Kampf zwischen den Kartellen um die besten Distributionswege bleibt blutig und hat schon diversen mexikanischen (Klein-)Städte innerhalb weniger Jahre die Idylle geraubt.

Am heißestes sind die Konflikte im Norden Mexikos in den Grenzstädten zu den USA. Die Sterbensrate gemessen an der Bevölkerungsdichte ist in Ciudad Juárez am größten. Sie ist die gefährlichste Stadt der Welt; noch vor den Städten im Irak oder afrikanischen Krisengebieten. Ohne zu übertreiben, im Norden Mexikos herrscht Krieg.

Am ersten Tag in Monterrey nahm mich meine Freundin beiseite und sagte ernst, dass man über diese Situation nicht spricht. Das Wort “Narco” (kurz für narcotraficante – jedwede Person die in den Drogehandel verwickelt ist) spricht man nicht aus im Norden Mexikos.

Zeugen des Drogenkrieges - Barrio Antiguo Monterrey

Zeugen des Drogenkrieges - Barrio Antiguo Monterrey

Die Stadt Monterrey liegt nur knapp zwei Autostunden von der US-Grenze entfernt. Sie ist relativ sicher – relativ zu den Grenzstädten, denn auch in Monterrey lodert der Konflikt zwischen den Kartellen mit täglichen Außeinandersetzungen zwischen Banden. Es gibt Gegenden in Monterrey, in denen täglich Schießereien stattfinden. Aber prinzipiell kann es überall passieren – oft sogar am hellen Tag. Das Einkaufzentrum neben unserem Hotel war bereits Austragungort einer Schießerei. Auch in einem Einkaufszentrum in dem wir am Sonntag eingekauft haben, wurde später am Nachmittag ein Waffengefecht zwischen den Kartellen ausgetragen … in einer relativ sicheren Gegend der Stadt.

Wir hatten Glück und waren meist zur richtigen Zeit an einem sicheren Ort. Als wir am letzten Nachmittag zum Flughafen aufbrachen, wurde über den taxifunk von einer bewaffneten Verfolgungsjagd berichtet, die in einem Viertel stattfand, in dem wir noch knapp eine Stunde zuvor zum Sightseeing waren. Helikopter schwärmte aus und Einsatzwagen der Armee und Sonderkommando der Polizei rasten mit Sirenen durch die Straßen. Ich habe nicht alles verstanden, was über den Funk durchgegeben wurde. Zu dem Zeitpunkt gab es in der Schießerei bereits 5 Tote bzw. Verletzte  – davon auch eine unbeteiligte Person. Der Kommentator gab noch die Summe der Toten im Mai an: 209
Wobei ich hier nicht sicher bin, ob es von Januar bis Mai oder nur um Mai geht.

Trauergesten für erschossene Jugendliche - Barrio Antiguo Monterrey

Trauergesten für erschossene Jugendliche - Barrio Antiguo Monterrey

Die Krönung gab es aber eigentlich schon bei der Ankunft in Monterrey. Der Bruder meiner Freundin hat uns abgeholt und auf der Fahrt erzählt, dass er wenige Tage zuvor entführt und ausgeraubt wurde. Glücklicherweise ist ihm nichts passiert – aber Kriminalgeschichten gehören nicht zu den Willkommensgrüßen die ich in Monterrey hören wollte.

Mit meiner Freundin bin ich ebenfalls im Barrio Antiguo gewesen. Diesen Stadtteil hat sie kaum wiedererkannt. Wo im letzten Jahr sich noch das bunte Leben austobte, gab es nun meist geschlossene Bars und einige seltsame Gestalten. Der Konflikt zwischen den Kartellen hat diesen Stadtteil verändert. Und beim Anblick der Einschusslöcher in der Fassade einer Bar lief es auch mir eiskalt den Rücken herunter. Das Gespenst des Drogenkrieges flüsterte mir ins Ohr.

One thought on “Das Wort das man nicht ausspricht …

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