Tempeltour – Den würzig süßen feuchten Geruch von Räucherstäbchen im Regen aufsaugen

Sonntag 17-AUG-2014

Nach dem Frühsport und Frühstück tat ich einen kurzen Blick aus dem Fenster bzw. trat auf den Balkon. Dabei stieß ich einen Fluchen aus, weil es stark regnete, jedoch mein Plan vorsah vormittags ein paar Tempel und den Yuyuan Garten zu besuchen vor dem großen Menschenandrang. Nach kurzer Überlegung beschloss ich das Beste aus der Situation heraus zu holen und tatsächlich meine geplanten Außenaktivitäten durchzuziehen. Für Schreibtischarbeit bot sich das Regenwetter zwar an, denn ich musste noch Einiges für den Start der Arbeitswoche vorbereiten. Da allerdings Arbeit bedauerlicherweise nicht wegläuft, schob ich es auf den Nachmittag/Abend, falls es weiter regnen sollte*. Womöglich schreckt das Regenwetter einige Familien vom Gartenbesuch am Sonntag ab und es ist weniger Andrang. So spazierte ich unterm Regenschirm in den Wolkenbruch mit teilweise kirschkerngroßen Regentropfen. Nach 2-3 Minuten waren meine Schuhe durchweicht ohne die Metrostation für den Start meines Trips überhaupt erreicht zu haben.

Zuerst besuchte ich das buddhistische Chenxiangge Nonnenkloster .
Schon am Eingang waberte mir ein ganz eigener würziger Geruch von Räucherstäbchen und Feuer im Regen entgegen. Buddhistische Klöster bzw. Tempelanlagen sind rechteckig umbaut mit einem großen Innenhof in dem ein Feuer brennt. Daren wird das Bündel Räcuherstäbchen entzündet, was Gläubige beim Beten in den Händen halten.

Der süßlich würzige Räucherstäbchengeruch sollte mich desöfteren an diesem Tag begleiten – manchmal vor lauter Qualm sogar den Atem rauben. Aber lieber die Räucherstäbchen, als den alltäglichen Smog, der Shanghai einhüllt.
Aus Respekt habe ich erst keine Fotos in den Tempelanlagen geschossen. Später wurde ich dann dreister und habe ungeniert fotografiert.

Im Anschluss besuchte ich den daostischen Tempel des Stadtgottes am Yuyuan Garten.
Hier herrschte bereits starker Andrang. Ich hatte das Gefühl, dass dieser Tempel durch die Nähe des Yuyuan Gartens auch bekannter ist und schon auf professionellem Level mit dem Andrang von Gläubigen umgeht. Im Kloster war ich der einzige Tourist. Überhaupt war ich einer der wenigen Besucher. Außer mir lief nur eine Dame mit ihrer Tasche voller Opfergaben von Alter zu Altar, betete, stellte ihre Gaben auf den Altar und schmiss klappernd ein paar Münzen in die Kollekteboxen vor den Altären.

Anders stellte sich die Situation im Tempel des Stadtgottes dar: Viele, viele Gläubige, die betend den Innehof mit Räucherstäbchen einnebelten. Hier fielen die ersten Atemzüge schwer. Aber der Rauch beruhigt auch irgendwie … im Regen allerdings ein ganz eigener Geschmack.

Zum Schluss meiner Tempeltour bin ich noch in den buddhistischer Tempel nahe meiner Unterkunft gegangen.
Der Pförtner sagte  irgendwas von ¥5. Hierbei bin ich mir nicht sicher, ob es sich tatsächlich um den Eintrittspreis handelte oder ein Missverständnis von seiten des Pförtners war. Denn nachdem ich ihm ¥5 gab, drückte er mir ein Bündelchen Räucherstäbchen in die Hand. Ich dachte bei mir: Soweit das beste Preis-Leistungsverhältnis. Die vorigen Tempel haben mindestens 10¥ Eintritt verlangt. Das beinhaltete tatsächlich nur den Eintritt – Räucherstäbchen kosten extra. Also genauso wie in europäischen Kirchen, wo man für Andachtskerzen auch ein paar Euro abdrücken muss, wenn man sie in der Kirche kauft.

Die kleine Tempelanlage bietet eine interessante Kulisse die vom Ungewissen über die weitere Ausbreitung der modernen Urbanisation erzählt. Dieses Viertel, was mein Reiseführer “Old Town” nennt, ist so authentisch geblieben wie es wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten ist – ohne Gebäude, die höher als 1-2 Stockwerke gebaut sind. Ganz im Gegensatz zum gewohnten Stadtbild, in dem sich die Spezies “Wolkenkratzer” ausgebreitet hat**.

Auf dem Weg zum Tempel habe ich weitere Eindrücke von der ungeschminkten Mikrowirtschaft der Nebenstraßen und Hinterhöfen bekommen. Dazu aber in einem gesonderten Artikel über “Essen und Marktleben auf der Straße”😉

Zum Schluss vor dem Mittag noch kurzer Abstecher auf den (Haus-)Tiermarkt. Hier gibt es Katzen, Hunde, Kaninchen, Kanarien und sonstige Singvögel, Schildkröten, Fische, Käfer und vor allem Heuschrecken. Es herrscht ein Lärm von zirpenden Heuschrecken in dieser Markthalle und ein seltsamer Geruch, wie in einem Strohsilo. Ich habe mir die Frage gestellt ob es sich bei den zur Feil gebotenen Tieren tatsächlich um Haustiere handelt oder ob hier Züchter über ihre Heuschrecken/Käfer fachsimpeln oder ob die Tiere für den späteren Verzehr gedacht sind – vielleicht auch eine Kombinationen aus dem Genannten? Aber eins wird deutlich beim Besuch dieses Marktes: Heuschrecken zu züchten ist ein ernstes Geschäft – serious business.

Mittagessen hatte ich in der Yunnan, Verdauungsspaziergang habe ich um den Westteil des People-Square inklusive People’s Park unternommen.

Unterm Strich trotz verregnetem Start und überhaupt wackliger Vorbereitung des Wochenendes war es ein netter Tag.

* Ja, es sollte noch weiter regnen. Ganze 4 Tage und erst am Donnerstag klarte es auf … ich hatte jeden Tag nasse Füße.

** Mittlerweile habe ich im SUPEC dazugelernt, dass in Shanghai gewisse Stadtgebiete in ihrer authentischen Form erhalten bleiben sollen – so zumindest die Stadtplanungspropaganda. Ob dazu auch das Viertel zu Füßen der Fraser Residence gehört, weiß ich nicht …

 

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