我家餐厅 – Wǒ jiā cāntīng – Ich zuhause in Kantine :-)

Sonntag 24-AUG-2014
Zum Mittagessen sollte es diesmal wieder eine Spezialität aus Shànghǎi werden. Im Lonely Planet war ein Restaurant im French Consessision aufgeführt, was angeblich nur lokale Küche auftischt – speziell Fisch und Meeresfrüchte. Laut LP Beschreibung gutes Preis-/Leistungsverhältnis. Man solle nur nicht zu viel vom Service erwarten. Da das Lokal mit Namen 我家餐厅 (Wǒ jiā cāntīng) im schicken French Consession liegen sollte, kam bei mir wieder Skepsis auf, doch mir war nach Fisch und Meeresfrüchten. Warum nicht ausprobieren? Ich kann mit meinem kaum vorhandenen mandarin sogar einen Großteil des Restaurantnamens übersetzen🙂

Allerdings, die Adressbeschreibung mutete etwas seltsam an: Das Haus sollte mit Adressangabe an einer mehrspurigen Straße liegen, weitere Bezeichnung war “Lane” und dann erst die Hausnummer.
Tatsächlich lag das Haus mittig in einer abzweigenden Seitenstraße. Die Hausnummer habe ich gefunden, auch ein kleines rotes Schild über der Tür sagte 我家餐厅,  dass ich das Lokal gefunden hatte, nur sah es ganz und gar nicht nach einer Gaststätte oder Restaurant aus. Es war ein ganz normaler, kleiner Hauseingang eingezwängt in Mehrfamilienhäuserblock/-zug. Sehr ungewöhnlich. Keine wirklichen Anzeichen für ein Restaurant abgesehen vom Schild über der Tür mit Aufschrift 我家餐厅.

"Lane" - Seitenstraße

“Lane” – Seitenstraße

In dieser Seitenstraße liegt die Gaststätte

In dieser Seitenstraße soll das Restaurant liegen

Soll das der Eingang zum Restaurant sein?

Soll das der Eingang zum Restaurant sein?

Die Tür stand halboffen und gab den Blick in den beladenen Hauseingang frei. Hinter der Schwelle stand ein Haustierkäfig in welchem eine Katzenmutter ihre Jungen säugte. Vergilbte Wände, irgendwo spielte ein Radio. Restaurant? Auf mein “Ni hao?” kam keine Antwort. Um ganz sicher zu gehen, fragte ich den Pförtner jener Seitenstraße: “我家餐厅?” Er nickte bestätigend: “我家餐厅” – wǒ jiā cāntīng. Mir schien die Situation seltsam, aber ich dachte: “Also los, ab ins Abenteuer: wǒ jiā cāntīng!” Ich betrat den halbdunklen Korridor und ging immer geradeaus auf die nächste Korridortür zu.

Katze im Hauseingang

Katze im Hauseingang

Korridor im Hauseingang

Korridor im Hauseingang

… hinter dieser landete ich in einem mit ausgebleichten roten Teppichen und Wandbehängen ausgekleideten Raum. Dort standen mehrere runde Tische wie man sie für Essensgesellschaften in China nutzt. Außerdem saßen drei Chinesen im Raum verteilt. An einem Tisch hing ein Mann mit seiner Zigarette am Aschenbecher, dann noch ein anderer Mann in beiger Kleidung – scheinbar Koch – und eine Frau. Als mich die Tür in jenes Zimmer ausspuckte, verstummte die Unterhaltung der drei wie mit dem dumpfen Klopfen eines Küchenbeils. Wenn ich schon ihre Aufmerksamkeit hatte, so fragte ich ob sie englisch können:”Yi wen?” – Ich blickte in fragende Gesichter. Also entweder stimmte mal wieder meine Betonung der Frage “Englisch?” nicht, oder die drei sprechen weder englisch noch chinesisch. Dann unternahm ich noch einen Versuch: “Dibuqi, wǒ jiā cāntīng?”
Die Konfusion löste sich nicht.
Der Mann mit Zigarette ergriff die Initiative unter den dreien und bellte los. Er erkannte, dass ich kein Wort seines chinesischen Lamentierens verstand und schnatterte daraufhin munter weiter. Oder sprach er shanghainesisch? Jedenfalls quasselte er weiter auf mich ein und gestikulierte dann Richtung gegenüberliegender Tür. Die habe ich dann auch genommen.
Das Abenteuer ging weiter, denn ein niedriger, schief gefliester Durchgang führte an der Küche vorbei …

Vorratskammer im Küchendurchgang

Vorratskammer im Küchendurchgang

Küche

Küche

Küche

Küche

Kücheneingang

Kücheneingang

Vorratsbereich im Küchenkorridor

Vorratsbereich im Küchenkorridor

Wo bin ich hier gelandet?

Wo bin ich hier gelandet?  我家餐厅, wo denn sonst?

… in einen kleinen, spartanisch eingerichteten Raum. Dieser sah mit Tischen und Bänken schon eher nach Gaststätte aus. Die weiße Einrichtung wirkte urig. Hier wurde ich mit gleichgültigem Blick vom vermeintlichen Gastwirt willkommen geheißen …

Die eigentliche Gatstätte

Die eigentliche Gatstätte

… hier bediente scheinbar noch der Herr des Hauses persönlich. Er war Ende fünfzig/vielleicht schon in seinen Sechszigern. Mit schlaffer Handbewegung ließ er das laminierte Heftchen, dass die Speisekarte  darstellter vor mir auf den Tisch patschen.
Das chinesiche Menu hatte zu meiner Überraschung putzige englische Übersetzungen der einzelnen Speisen. Es gab auch tatsächlich Fisch auf der Karte. Da ich Tintenfisch probieren wollte, und in der Karte auch fündig wurde, bestellte ich Tintenfisch mit “salzigem Gemüse”- wobei ich gelernt habe englischen Übersetzungen von chinesischen Speisen zu misstrauen.

Händewaschen auf der Toilette an der ich vorher vorbeikam. Ich kam wieder durch die halboffene Hinterhofküche, wo der Koch mit einem Hackebeil den Kalmar vorbereitete. Hätte ich mir den Anblick ersparen können? Es schien, dass der Kopffüßler die letzte Zeit in der Tiefkühltruhe verbracht hatte … Immerhin, wenig später wurde dampfend-heiß serviert und damit waren die Tintenfischstreifen zumindest durchgegart.

Außerdem gab es Tofu mit getrockneten, stark gesalzenen Fischstückchen. Die Mahlzeit deckte mühelos meinen Wochenbedarf an Salz.

Sepia / Kalmar
Sepia / Kalmar

Mittagessen

Mittagessen

Tofu mit eingesalzenem Fisch

Tofu mit eingesalzenem Fisch

Der Gastwirt ließ sich nicht von meiner Anwesenheit stören bei seinem Kassensturz . Ich saß in seinem Rücken. Entweder ist er ausländische Gäste gewohnt oder er war genervt und wollte es sich durch die Flucht in sein Kassenbuch nicht anmerken lassen.

Der anderer Mann von nebenan trat herein und musterte mich verhalten, aber mit merklicher Neugier. Obwohl er mit seinem Rotzhochziehen, umständlicher Art sich die nächste Zigarette anzuzünden und erhobenem Kinn den starken Mann markieren wollte, verriet seine unsichere Körperhaltung und sein verwundert, neugieriger Blick, dass er nicht so genau wusste, was er von meiner Anwesenhwit halten sollte.

Auch der Koch ließ es sich nicht nehmen argwöhnisch aber neugierig den fremden Gast zu begutachten, der scheinbar besser mit Esstäbchen umgehen kann, als vermutet. Unter dem Vorwand etwas mit dem Chef klären zu wollen, kam der Koch aus der Küche herüber und warf einen unkenden Blick in meine Richtung. Um ihm zu zeigen, wie gut mir das versalzene Gemüse schmeckte, begann ich komplimentierend zu schmatzen.

Dass ich nach dem Begleichen meiner Rechnung gerne vom Gastwirt den Zettel haben wollte, auf dem er meine Bestellung notiert hatte, verstand er nicht so recht. Die Rechnung war korrekt. Ich wollte den Zettel nur als Andenken an diesen “Culture Clash” – und natürlich um später bei einem chinesischen Nachzufragen, was bei meiner Bestellung notiert worden ist. Als Trost gab mir der Chef drei Zettel aus einem Quittungsheftchen.
Als ich mich zum Gehen Richtung Küche abwandte, kam durch eine gegenüberliegende Tür ein junges chinesisches Pärchen. Aha, gibt scheinbar auch einen richtigen Haupteingang statt der Hintertür. Ob dies der Lonely Planet schon wusste? Den Hintereingang hatte ich bereits lieb gewonnen und ich lies es mir nicht nehmen wieder den Hintereingang zu benutzen. Auf dem Weg nach draußen schoß ich noch ein paar Fotos zur Dokumentation dieser ungewöhnlichen Gaststätte.
Beim Verabschieden sagte der Koch der im Wohnzimmer saß noch “Tschüss!” – Das der Koch – wohl eher zufällig als gewollt – ein Wort deutsch konnte, setzte diesem kuriosen Essen noch die Krone auf.

Reiskocher im Flur

Reiskocher im Flur

Zweite Küche

Zweite Küche

我家餐厅 – Wǒ jiā cāntīng – Ich zuhause in Kantine🙂

One thought on “我家餐厅 – Wǒ jiā cāntīng – Ich zuhause in Kantine :-)

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