Wochenendeinkauf auf den Lebensmittelmärkten in alten Seitenstraßen Shànghǎis

Leser mit schwachem Gemüt oder leicht reizbarem Magen sollten ihren aktuellen Gemütszustand prüfen, vor dem Weiterlesen.

In diesem Kapitel widme ich mich Lebensmittelmärkten die ich abseits der Touristenrouten in Seitenstraßen der “traditionellen” Wohngebiete Shanghais erlebte. Es ist tatsächlich ein Erlebnis. Dagegen schrumpfen die überfüllten deutschen Lebensmittelmärkte am Samstagsvormittag auf einen Kindergeburtstag. Auf den Straßenmärkten die ich in Shanghai am Wochenende erlebte, herrschte dichtes Gedränge – Straßenmarkt bedeutet hierbei wortwörtlich “auf der Straße”. Viele Stände haben nicht mal Tische, sondern präsentieren die bunte Auslegeware direkt auf Decke oder Plane an der Straße.

Hier gibt es nichts, was es nicht gibt.

Manch einem würde sich wahrscheinlich nur beim Gedanken der Magen umdrehen. Ernsthaft, ich warne nochmals: letzte Chance noch den Artikel zu schließen. Bilder dazu gibt es aus Gründen der Fairness gegenüber den schwachen Gemütern nicht direkt in diesem Artikel, sondern demnächst in meinem Picasa Account. [Update 10-SEPT-2014Hier das Bilderalbum zum Beitrag. Videos sind mittlerweile hier auf youtube zu finden.

Was wird auf den Lebensmittelmärkten angeboten? Logischerweise rohes Obst und Gemüse, Getreidesorten, Gewürze, Hülsenfrüchte etc. etc. Desweiteren Fleisch, Fisch, Schalen-, und Krustentiere und eine Vielzahl anderer Meeresfrüchte.
Was ich den chinesischen Einkäufern zugute halten kann: Die Ware muss frisch sein. Viele Kleintiere die für den Kochtopf bestimmt sind, werden auf dem Markt noch lebend angebote. Allen voran: Fische aller Größen, Farben und Exodusstadien. Krebse, Krabben, Sepien, Aale und Meeresfrüchte. Meist stehen Wasserwannen an der Straße, in denen die Meeresbewohner auf ihren Abnehmer warten.

Naturlich gibt es auf dem Markt auch Hühner und Enten. Apathisch warten sie hier auf den Käufer oder die Hinrichtung auf der Straße. Ich habe auf einem Markt, den ich nach meinem Jadebuddha-Besuch erkundete, gesehen wie die Hinrichtung vollzogen wird: Die Ente wurde in einen Topf mit kochendem Wasser getaucht und danach gerupft – weitere Kommentare erspare ich dem Leser -> Eine vom Siedewasser triefendnasse Ente kann einen Hundeblick aufsetzen …

Für Kunden die ihre Fleischbeilage nicht ganz so frisch brauchen, gibt es Hühner und Enten in diversen Verarbeitungsstufen: gerupft oder geköpft, zerteilt, schon zerlegt in Rumpf, Flügel, Füße oder noch weitere Einzelteile. Was für frisch geschlachtetes Huhn gilt, gilt gleichermaßen für Fisch, Aal, Tintenfisch und Co.:
Kurzer Prozess mit dem scharfen Schlachtmesser und dann gleich am Stand ausnehmen. Triefend-glitschiges Gedärm landet entweder neben dem Stand oder in bessern Fällen in einem Eimer für Schlachtabfälle. Manche Tiere werden aber auch lebend gekauft und in Platiktüten nach Hause getragen. Schalen- und Krustentiere bilden Ausnahme im Verarbeitungsprozess. Da sie lebend in den Kochtopf müssen, werden diese auch lebend verkauft; meist verschnürt, damit sie nicht entwischen können und mit Eis werden sie zusätzlich in Kältestarre gehalten.

Größere Tiere habe ich auf dem Markt nicht lebend gesehen. Hier wurden die Körperteile schon für den Markt vorbereitet – alle Teile der für Shànghǎi typischen Küche: Schweinekopf (in verschiedenen Phasen der Verwertung – z.B. Kopf ohne Rüssel, mal nur der Rüssel oder Ohren, Schweinepfötchen, Enten-/Hühnerbeine (entweder im Ganzen, kurz vor der Zubereitung in mundgerechte lange Krallenstücke gehackt). Alles was der Abdecker übrig lässt, gilt hier noch als beliebte Delikatesse oder Zwischensnack.

Oder in der Mitte geteilte Fische. Fast ausschließlich findet man die Fische mit weißem Fleisch bei denen man dann sehr gut die raushängenden, rötlich schimmernden Därme erkennt. Hier findet der Abnehmer die unbehandelte Fleischware gleich neben der Gemüseabteilung des Nachbarstandes. Wie war das noch gleich mit dem Verwenden von unterschiedlichen Hackbrettern für Fleisch und rohes Gemüse?

Der Geruch auf solchen vollgestopften Märketen in Seitenstraßen ist unnachmlich: salzig, faulig, süßlich, bitter, stechend, wohlig, auch chemisch, rauchig, schmierig feucht … hier hat man eine Mischung aus diversen Gerüchen. Ein Wechselspiel aus tierisch-menschlichen Ausdünstungen und industriell-chemischen Endprodukten. Abgestandener Blutgeruch und Gedärm wie in einer Schlachterei – nur ohne die Hygieneseife. Dann die Abgase der Straße: Benzin und Styrolyseprodukte. Die schwüle Luft und drückend stehende Hitze lässt eine Melange gären, die eine Aufgabe in der Meisterprüfung eines Parfümmischers sein könnte.

Auch die Geräuschkulisse ist ein Erlebnis: Lärm von tuckernden Auto- und Mopedmotoren, surrende Elektroroller, Hupen, greinende Menschen, schimpfende und mäkelde Kunden bei der Warenbeschau, weinende oder kreischende Kinder, lachende, singend/summende Muttchens, Hundegebell, vereinzelt Gegacker von Hühnern, das Klatchen von Fischen und Aalen in ihrem Wannengefängnis. Auch Klatschen auf die Straße, wenn Fische/Aale mit einem verzweifelten Sprung der kleinen Waschwanne tatsächlich entkommen – und nur kurze Zeit später vom fluchenden Verkäufer wieder eingesammelt werden.

 

Lieber Leser, danke für die Aufmerksamkeit bis hierhin. Leser kann froh sein, dass es noch keine Möglichkeit gibt die Gerüche aufzunehmen und hier bei wordpress mit dem Artikel zu verknüpfen. Obwohl man die alten Seitenstraßen und Hinterhofgarküchen Shànghǎis am besten mit allen Sinnen erlebt;-) Erleben ist das Wort der Wahl.

One thought on “Wochenendeinkauf auf den Lebensmittelmärkten in alten Seitenstraßen Shànghǎis

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