Der Abend des Mondfestes – Mid-Autumn Festival

Montag 8-SEPT-2014

Schon einige Tage vor dem Mondfest (engl. Mid-Autumn Festival) hat mir ein Kollege Mondkuchen ins Büro mitgebracht. Ich habe darauf bestanden, dass wir die kleinen – aber nährstoffreichen –  Küchlein teilen. Einer der Mondkuchen kam in Gestalt der salzig-süßen Shanghaier Variante; gefüllt mit bratensoßengeschwängertem Schweinehack (鲜肉). Der zweite Mondkuchen aus Blätterteig war gefüllt mit klebrig-süßer Bohnenpaste (豆沙)

Ein vorangegangener Artikel widmete sich dem Kommerz um das Mondfest; speziell dem unausweichlichen Feilbieten von Mondkuchen – ähnlich dem Pomp der in den Geschäften zur Weihnachtszeit im Abendland herrscht.
Chinesen kaufen die Leckereien nicht für sich selbst, sondern zum Verschenken (und Angeben) für Verwandte und Freunde..

Wie wohl schon vorab geschildert, wich meine romantisch verklärte Vorstellung des Mondfestes mehr und mehr der Ernüchterung bei einem Familienfest in China anwesend zu sein – aber nicht daran teilzuhaben.

Vollmond zum Mondfest

Vollmond zum Mondfest

Am 8. September lächelte der runde Vollmond auf Shanghai herab. Aus einer Laune heraus schlenderte ich abends nach dem Essen noch durch den Stadtteil nahe meiner Unterkunft und überlegte, ob ich mir noch eine leckere (süße kantonesische) Mondkuchenvariation zum Nachtisch besorgen sollte.

Eine Bäckerei um die Ecke hatte noch offen und bot Mondkuchen zum fairen Preis an. Jedoch nur in großen runden Familienpackungen – viel zu viel nur für mich allein (wie gesagt, Chinesen verschenken jene  Großpackungen an Familie/Freunde … ).

Den von mir schon beschriebenen Hype um den Mondkuchen wich Ernüchterung/Enttäuschung. An jeder Ecke wird für teuren Mondkuchen geworben, jeder zweite Bürger Shanghais trug in diesen Tagen mindestens eine Geschenktüte gefüllt mit pompösen Mondkuchen-Präsentboxen mit sich herum. Und als ich durch den Stadtteil schlenderte und auch Leute an der Straße oder in ihren kleinen Häuschen sah, konnte ich nirgendwo die Tradition vom Mondkuchenessen und Mond beobachten erkennen. Mondfest und niemand isst Mondkuchen – oder zumindest nicht ersichtlich. Womöglich hinter verschlossenen Türen, am heimischen Tisch.

In Old Town schlossen die Krämerläden, Verkaufsstände und familiengeführten Imbissbuden ihre Pforten. Leute saßen beim Abendessen an der Straße, aber keiner ass Mondkuchen oder betrachtet den Mond.

Am Straßenrand saß eine Familie auf Plastikstühlen am Plastiktisch beim Abendessen. Schüsseln mit Nudeln oder Reis – ohne Mondkuchen.

In einem Krämerladen saßen zwei hagere Männer bei Schüsseln mit Nudelsuppe vor einem Fernseher – ohne Mondkuchen

In einem Massagesalon flätze sich ein Kunde zufrieden lächelnd auf einem Sofa. Man sah ihm an, wie er jene Fußmassage genoss – auch ohne Mondkuchen

Mondfest - Old Town

Mondfest – Old Town

Waren die Leute in meinem Stadtteil zu arm um sich Mondkuchen zu kaufen? Oder haben sie keine Freunde die Mondkuchen verschenken? Oder keine Freunde, die sich Mondkuchen leisten können?

Ich schlenderte an einer Filiale der kantonesischen franchisekette Tsui Wah vorbei – kein Mondkuchen auf der Karte

Ich stattete dem Family Mart einene kurzen Besuch ab – kein Mondkuchen

Watson – kein Mondkuchen

Ichido -> ok, sie haben Mondkuchen, aber mein stolz sagte mir in China den Mondkuchen nicht bei einer japanischen Bäckereikette zu kaufen.

Im Pacific Coffee waren die Stühle schon hochgestellt um den Boden nach Feierabend zu schrubben.

Andere Bäckerein waren geschlossen.

So kehrte ich zurück in meine Unterkunft. Schließlich blieb mir nur eine Blätterteigvariante von Mondkuchen, die ich in der Woche zuvor als Geschenk erhilt. Die Sicht auf den Mond von der Business Lounge war extrem schlecht. Außerdem stand ein Techniker in seinem grau-blauen Overall am Fenster und führte ein lautes Streitgespräch über sein Mobiltelefon.

Ich ging auf die Außenterasse – der Mond leider hinter der Fassade des Wolkenkratzers. Ein chinesisches Ehepaar saß – nach sichtlichem Fast Food Mahl – bei einer Flasche Wein ebenfalls auf der Terasse…. und was war wohl noch auf ihrem Tisch übrig? Womöglich aßen doch chinesiche Päärchen Mondkuchen zum Mondfest? Die Welt ist doch noch nicht verloren.

Ich holte mir einen Tee und kehrte schmunzelnd zurück auf die Terasse – und sie aßen doch keinen Mondkuchen …

Ein Fundstücke im Netz:

http://www.timeoutshanghai.com/features/Food__Drink-Food__Drink/13250/2014-Mid-Autumn-Festival-mooncake-deals.html

http://www.theworldofchinese.com/2014/09/which-moon-cake-are-you/

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Waschen, Schneiden, Legen – Friseurbesuch in Shanghai

Sonntagabend 07-SEPT-2014

Kann etwas Triviales wie ein Friseurbesuch zu einem berichtenswerten Ereignis werden? – Ja, wenn man als Europäer in China einen Haarschnitt braucht.

Mir war bewusst, dass nach meinem Aufenthalt in Shanghai keine Zeit bleibt um für einem familiären Hochzeitstermin noch einen Haarschnitt zu kriegen. Daher passte ein Friseurbesuch in meiner letzten Woche Shanghai gut in den Plan – wenn da nicht wieder das Sprachproblem wäre ,-).

Nahe meiner Unterkunft bin ich schon desöfteren an einem Friseur vorbeigekommen. Samstagabend vor dem Schlangenmahl bin ich auch kurz vor dem Schaufenster stehen geblieben und wurde von einem jung-dynamischen Friseur hineingewunken. Die Jungs im Laden sprachen natürlich kein englisch, gestikulierten aber freundlich auf ihre Preisliste. Sie deuteten mit erhobenem Like-Daumen auf die unterste – und gleichzeitig teuerste -Position der Liste. Das einzige was ich an jener Position verstand war der Preis: 88 Yuan – ca. 11 EUR. Nach wie vor ein guter Preis für einen Herrenhaarschnitt – wenn es sich überhaupt um Haareschneiden handelt. Womöglich beinhaltet diese teuerste Position einen modischen FoKuHiLa-Schnitt mit purpurnen Farbsträhnen – denn die Friseurjungs im Laden hatten alle asymmetrische Haarschnitte mit blau oder lila Strähnen. Ich reagierte wie man bei chinesichen Händlern generell auf ominöse Angebote reagieren sollte: Nickend Lächeln und erstmal dankend abwinken

Ich habe die Preisliste fotografiert und an der Hotelrezeption nachgefragt, was mir die Jungs angeboten haben: Die 88 Yuan zahlt man für einen Haarschnitt vom Geschäftsleiter bzw. top-ausgebildeten Haarstylisten. Die anderen Positionen auf der Liste waren reguläre Haarschnitte – Abhängig davon, wie erfahren der Friseur der schneidet sein sollte wird gezahlt.

Am Sonntag probierte ich den Friseur aus. Womöglich eine meiner letzten Chancen noch einen Haarschnitt zu kriegen. Die letzte Arbeitswoche im Büro versprach auch nach Torschluss turbulent und ereignisreich zu werden.

Nach Betreten des Ladens deutete ich auf die erste Position der Liste und dann auf meine lockige Mähne. Nach kurzem Herumgedruckse mit dem jungen Friseur einigten wir uns auf die zweite Position, da die erste (und günstigste) Position dem Pantomimenspiel der Friseure zufolge nur Stutzen mit der Schermaschine beinhaltete – nicht Haare schneiden.

Was soll’s, immer noch ein gutes Angebot. Das Preis-Leistungsverhältnis wäre nach europäischen Standards schon auf Luxusniveau. Ich verbrachte mindestens 30 Minuten im Salon – OHNE Wartezeit. Ich durfte mich sofort ans Waschbecken legen für eine Haarwäsche inklusive Kopfhautmassage, danach vollführte ein anderer Friseur sein Handwerk mit meiner Lockenmähne. In künstlerhafter Akribie setzte er verschiedenen Scherentypen zum Haareschneiden ein:

Erst dachte ich, er würde nur Spitzen schneiden. Danach wanderten die unterschiedlich große und kleine Scheren durch mein Haar. Manchmal mutete es an, als müsste er jedes Haar einzeln trimmen um ein Kunstwerk auf meinem Kopf zu zaubern. Ich musste rätseln, ob er womöglich verunsichert war oder lediglich sehr vertieft und gewissenhaft in seinem Handwerk. Er wirkte erst schüchtern und übervorsichtig – später etwas forscher. Ich deutete noch auf die Schere zum Ausdünnen in dem Sammelsurium aus unterschiedlichen Scherentypen die an seinem Handwerkergürtel hingen.

Bechallt wurde der Salon von einem chinesischen Radiosender. Es dudelten schmachtende chinesiche Schlager im Hintergrund. Das flippige Ambiente wurde komplettierte durch eine doaistische Gottheit die auf dem Garderobenschrank hinter mir thronte. Ist die rotgesichtige Gottheit der chinesische Schutzpatron der Barbiere? Und es wirkte, als ob die kleine Statue mir bei der krönenden Aktion zuzwinkern würde:

Zum Abschluss rasierte der Stylist meinen Nacken, die Schläfen und den Ponyansatz – mit einem offenen Rasiermesser. Er deutete mit fragendem Blick kurz auf die stolz, silbern funkelnde Rasierklinge. Abenteuerlustig wie ich bin nickte ich zustimmend. Schon seit Jahren hatte ich keine vernünftige Rasur beim Friseur mehr bekommen, seit sich die türkischen Friseure bei mir nicht mehr den Einsatz der Klinge trauen. Umspielt von dünnen Rauchfahnen der Räucherstäbchen lächelte die daostische Barbiersgottheit zufrieden in ihrem Schrein – grade so als wäre das bärtige Männchen mit meinem ausrasierten Nacken und den flinken Händen des jungen Barbiers zufrieden.

Die flippigen Stylisten in ihrem Salon mögen zwar aussehen und wirken wie warme Brüder – einige sind es vermutlich auch – aber sie beherrschen ihr Handwerk. Ich bin begeistert von dem Resultat. Das Trinkgeld hat sich mein Friseur in jedem Fall verdient.

Raucher nebendran