Waschen, Schneiden, Legen – Friseurbesuch in Shanghai

Sonntagabend 07-SEPT-2014

Kann etwas Triviales wie ein Friseurbesuch zu einem berichtenswerten Ereignis werden? – Ja, wenn man als Europäer in China einen Haarschnitt braucht.

Mir war bewusst, dass nach meinem Aufenthalt in Shanghai keine Zeit bleibt um für einem familiären Hochzeitstermin noch einen Haarschnitt zu kriegen. Daher passte ein Friseurbesuch in meiner letzten Woche Shanghai gut in den Plan – wenn da nicht wieder das Sprachproblem wäre ,-).

Nahe meiner Unterkunft bin ich schon desöfteren an einem Friseur vorbeigekommen. Samstagabend vor dem Schlangenmahl bin ich auch kurz vor dem Schaufenster stehen geblieben und wurde von einem jung-dynamischen Friseur hineingewunken. Die Jungs im Laden sprachen natürlich kein englisch, gestikulierten aber freundlich auf ihre Preisliste. Sie deuteten mit erhobenem Like-Daumen auf die unterste – und gleichzeitig teuerste -Position der Liste. Das einzige was ich an jener Position verstand war der Preis: 88 Yuan – ca. 11 EUR. Nach wie vor ein guter Preis für einen Herrenhaarschnitt – wenn es sich überhaupt um Haareschneiden handelt. Womöglich beinhaltet diese teuerste Position einen modischen FoKuHiLa-Schnitt mit purpurnen Farbsträhnen – denn die Friseurjungs im Laden hatten alle asymmetrische Haarschnitte mit blau oder lila Strähnen. Ich reagierte wie man bei chinesichen Händlern generell auf ominöse Angebote reagieren sollte: Nickend Lächeln und erstmal dankend abwinken

Ich habe die Preisliste fotografiert und an der Hotelrezeption nachgefragt, was mir die Jungs angeboten haben: Die 88 Yuan zahlt man für einen Haarschnitt vom Geschäftsleiter bzw. top-ausgebildeten Haarstylisten. Die anderen Positionen auf der Liste waren reguläre Haarschnitte – Abhängig davon, wie erfahren der Friseur der schneidet sein sollte wird gezahlt.

Am Sonntag probierte ich den Friseur aus. Womöglich eine meiner letzten Chancen noch einen Haarschnitt zu kriegen. Die letzte Arbeitswoche im Büro versprach auch nach Torschluss turbulent und ereignisreich zu werden.

Nach Betreten des Ladens deutete ich auf die erste Position der Liste und dann auf meine lockige Mähne. Nach kurzem Herumgedruckse mit dem jungen Friseur einigten wir uns auf die zweite Position, da die erste (und günstigste) Position dem Pantomimenspiel der Friseure zufolge nur Stutzen mit der Schermaschine beinhaltete – nicht Haare schneiden.

Was soll’s, immer noch ein gutes Angebot. Das Preis-Leistungsverhältnis wäre nach europäischen Standards schon auf Luxusniveau. Ich verbrachte mindestens 30 Minuten im Salon – OHNE Wartezeit. Ich durfte mich sofort ans Waschbecken legen für eine Haarwäsche inklusive Kopfhautmassage, danach vollführte ein anderer Friseur sein Handwerk mit meiner Lockenmähne. In künstlerhafter Akribie setzte er verschiedenen Scherentypen zum Haareschneiden ein:

Erst dachte ich, er würde nur Spitzen schneiden. Danach wanderten die unterschiedlich große und kleine Scheren durch mein Haar. Manchmal mutete es an, als müsste er jedes Haar einzeln trimmen um ein Kunstwerk auf meinem Kopf zu zaubern. Ich musste rätseln, ob er womöglich verunsichert war oder lediglich sehr vertieft und gewissenhaft in seinem Handwerk. Er wirkte erst schüchtern und übervorsichtig – später etwas forscher. Ich deutete noch auf die Schere zum Ausdünnen in dem Sammelsurium aus unterschiedlichen Scherentypen die an seinem Handwerkergürtel hingen.

Bechallt wurde der Salon von einem chinesischen Radiosender. Es dudelten schmachtende chinesiche Schlager im Hintergrund. Das flippige Ambiente wurde komplettierte durch eine doaistische Gottheit die auf dem Garderobenschrank hinter mir thronte. Ist die rotgesichtige Gottheit der chinesische Schutzpatron der Barbiere? Und es wirkte, als ob die kleine Statue mir bei der krönenden Aktion zuzwinkern würde:

Zum Abschluss rasierte der Stylist meinen Nacken, die Schläfen und den Ponyansatz – mit einem offenen Rasiermesser. Er deutete mit fragendem Blick kurz auf die stolz, silbern funkelnde Rasierklinge. Abenteuerlustig wie ich bin nickte ich zustimmend. Schon seit Jahren hatte ich keine vernünftige Rasur beim Friseur mehr bekommen, seit sich die türkischen Friseure bei mir nicht mehr den Einsatz der Klinge trauen. Umspielt von dünnen Rauchfahnen der Räucherstäbchen lächelte die daostische Barbiersgottheit zufrieden in ihrem Schrein – grade so als wäre das bärtige Männchen mit meinem ausrasierten Nacken und den flinken Händen des jungen Barbiers zufrieden.

Die flippigen Stylisten in ihrem Salon mögen zwar aussehen und wirken wie warme Brüder – einige sind es vermutlich auch – aber sie beherrschen ihr Handwerk. Ich bin begeistert von dem Resultat. Das Trinkgeld hat sich mein Friseur in jedem Fall verdient.

Raucher nebendran

Snake Hot Pot

Samstagabend/-nacht 06-SEPT-2014

Schlangenfleisch findet man selten bis gar nicht in europäischer Küche. In China, allen voran in Hong Kong und Kanton, steht Schlange durchaus auf der Speisekarte. Nach einem zusätzlichen Training am Samstagabend kam ich auf die fixe Idee, Schlangenfleisch zum Abendessen zu probieren: Niedrig in Fett, reich an Protein für optimale Muskelregeneration nach dem Training. Auf diese Idee brachte mich auch der Artikel über ein Restaurant das sich auf “Snake Hot Pot” spezialisiert hat.

Ein Anruf bei dem Restaurant verlief leider frustrierend, denn ich spreche nach wie vor kein chinesisch und mein Gesprächspartner verstand kein Wort english.

An der Hotelrezeption bat ich, jenes Restaurant anzurufen um nachzufragen, ob ich reservieren muss, oder einfach vorbeikommen kann. Nachdem der Concierge George dort anrief, sagte er es sei derzeit geschlossen wegen Renovierungsarbeiten. Es mutete etwas seltsam an, denn nach kurzem Überlegen sagte George: “I have a crazy idea. Do you want an experiment?” Seine verrückte Idee war ein anderes Restaurant, das ebenfalls Schlangen Hot Pot anbietet, auszuprobieren. Er erinnerte sich nicht an die Adresse, war aber bereits dabei nach dem Lokal im Internet zu suchen. Jedoch sind es die rein chinesich-orientierten Lokale, die keine Internetwerbung brauchen. Er wollte ein Taxi bestellen, dass mich in die Nachbarschaft des Restaurants bringt. Zum genauen  Haus wollte er dann den Fahrer per Telefon lotsen. Das klang äußerst seltsam. Da George schon längst Dienstschluss hatte, bot ich ihm an, dass er mit mir dort Abendessen kann. Dann kommt er am besten gleich mit.

George noch, man könne in jenem Hot Pot Restaurant neben Reptilien auch sehr außergewöhnliche andere Gerichte probieren. Meine Neugier wuchs und ich fragte nach welche. Ihm fehlten die englischen Vokabeln. Er sagte, die Tiere hätten vier Beine – na toll dachte ich, viele essbare Tiere haben vier Beine. Ich also erst diverse Tiere nachgeahmt: Schildkröte, Affe, Esel, …  Dann kam er drauf: Deere and rabbit (Hirsch/Reh und Kaninchen/Hase) …und ich sagte nur: Das ist für mich nicht außergewöhnlich. Sowas ist in Deutschland einfacher zu kriegen, als Reptilienfleisch – in China genau anders herum 😉

Wenig später fuhren wir mit der Metro in die Nachbarschaft des Qipu Marktes. Bei Nacht ist jenes Viertel total verändert. Nach kurzem Fußmarsch erreichten wir das Restaurant, was man nicht als solches erkannt hätte, weil der Eingang unscheinbar war und man erst über eine Treppe in das Lokal im oberen Stockwerk kam.

Diese Orte sind für Eingeweihte …

Der Geruch beim Betreten was ganz anders als in sonstigen Hot Pot Restaurants. Wie mir im Nachhinein einfällt, war es  warscheinlich die Mischung aus Gasgeruch der Hot Pot Kocher und frittiertem/brennendem Fleisch – purem Fleisch, denn Schlangen sind weder sehnig noch fett. Ein Geruch von Frittierfett und angesengter Schlangenhaut vielleicht? Leicht süßlich, scharf-salzig im Abgang 😉

 

George wollte nach seiner Aussage mich nur dahinlotsen. Dann saßen wir aber doch gemeinsam am Tisch. Natürlich war er sehr willkommen an meinem Tisch, denn die Speisekarte war nur auf chinesisch. Wir haben bestellt: Knusprig frittierte Schlangenstücke, Schlangenschwänze, diverse andere Stücke, teilweise nur Filet. Schildkröte war aus – wie immer. Diverse andere Optionen waren auch aus. Meine Vermutung ist, dass sich hinter den nicht verfügbaren und teureren Optionen die giftigen Schlangen verbergen. Um welche Schlangenarten die bei uns im Kochtopf endeten tatsächlich handelte, weiß ich nicht und nachforschen wird schwer, denn die Speisekarte war komplett auf chinesich. Ich hatte noch keine Gelegenheit gehabt genauer nachzuforschen.

Zum Hot Pot gab es wie gewohnt Kräuter, Dips und eine Mischung aus Erdnuss- und scharfer Sauce (scharf für die shanghaier Zunge – für meine Verhältnisse nur leicht pikant). Allein die Hot Pot Brühe war schon sehr lecker: Pilze in unterschiedlichen Größen, Loorbeer, Goji-Beere/Bocksdorn und die leckere chinesische Dattel die leicht süßlich schmeckt (JuJuBe). Aber die Brühe wird normalerweise nicht mitgegessen. Wenig später wurden in unserem Hot Pot diverse Schlangenstücke mit bunten Mustern gekippt. Mindestens 3 verschiedene. Laut George werden jene ungifte Schlangen nur für den Kochtopf gezüchtet.

Mir schmeckt Schlangenfleisch sehr gut. Viele Personen die es einmal probiert haben, behaupten es schmecke wie Hühnchen. Womöglich sagen das viele Leute, weil sie selbst keinen Geschmack herausschmecken können. Jenes magere Fleisch hat einen milden, dezenten Eigengeschmack. Die langen weißen Muskelfasern jener Schlangen in unserem Topf hatten einen relativ neutralen Geschmack; durch die Hot Pot Brühe leicht salzig. Die größeren Filetstücke die wir bestellten, schmeckten sogar besser als Hühnchen. Mit den antibiotika-verunreinigten Geflügelbrüsten aus deutschen Discountern kann man Schlange erst recht nicht vergleichen. Es schmeckt eher wie eine Mischung zwischen weißem Fisch und sehr, sehr zartem Putenfilet. Es kann mit dem zarten Krebsfleisch aus der Shouning Lu mithalten 🙂 Keine Sehnen oder Fett. Pure Muskelfasern – die allerdings auch zwischen den Zählen hängenbleiben, wenn man sie von den Knochen abnagt. Es ist leider nicht viel Fleisch dran an einem Stück Schlange – wie so oft bei chinesischem Delikatessen. Ein Stück besteht hauptsächlich aus den Wirbel- und Rippenknochen. Und das leckere, muskeldurchzogene Fleisch geht leider eine innige Bindung mit jenen Knochen ein. Also mal wieder das Fleisch vom Skelett abnagen und nebenbei Lektionen in Anatomie durchlaufen.

Jedoch ließ sich das Fleisch umso besser abkauen, umso länger die Stücke im Topf köchelten. Wir hatten auch reine Filetstücke bestellt, an denen die Wirbelknochen mit den gräteartigen Rippen bereits entfernt wurden. Ein Genuss!

Lebende Schlange haben wir keine gesehen …

Snake Hot Pot - I ❤ SH

Snake Hot Pot – I ❤ SH 

 

Showdown in der Shouning Lu: Tonnenweise rotgegarte Langusten unter flackernder Neonlichtreklame

Freitagabend 29-AUG-2014

Meine Unterkunft liegt an der Shouning Lu. Diese Straße bildet eine Institution für Street Food in Shànghǎi. Selbst in einem halben Kilometer Entfernung gegen den Wind kann man die Shouning Lu erschnüffeln. Sie nebelt ihre Umgebung in einen anregender Duft von Meersalz, Öl, scharfem Gewürz, Grillgut und so vielen mehr exotisch-fettigen Geruchsnoten. In der Shouning Lu werden verschiedene Schalentiere und teilweise “chinesisches Barbecue” aufgetischt. Es ist das Paradies für Schalentierliebhaber. Im Prinzip bietet fast jedes Straßenrestaurant hier die gleiche Auslegeware – meist auch zum gleichen Preis. Saisonale Krustentiere satt: Langusten, Shrimps, Krebse unterschiedlicher Gattungen, diverse Muscheln, Hummerschwänze … und mehr, was ich noch nicht identifizieren konnte. Alles frisch! Die verschnürten und in Kältestarre gehaltenen Krebse leben noch, die Langusten krabbeln sich gegenseitig über den Haufen in den Badewannen die neben dem Ständen stehen.

Desöfteren wanderte ich nach der Arbeit oder an den vergangenen Wochenenden abends durch die im Neonlicht flackernden, von Krustentierabfällen verschmiert ölige Shouning Lu. Chinesiche Grillmeister brutzeln Spieße von Fisch oder Kalamaris, rühren in dampfenden Garbottichen oder bieten den Passanten lärmend ihre Ware feil. Wie so viele Fressgassen oder Straßenmärkte bietet auch die Shouning Lu eine Achterbahnfahrt für alle Sinne.

Hier eine Mahlzeit einzunehmen habe ich mir für einen besonderen Abend aufgehoben, also nach einer Arbeitswoche oder nach dem Training/Touren am Wochenende. An jenem Abend war es also soweit: Nach Akklimatisierung mit Straßenessen und noch vor einer Dusche folgt als Showdown für den Samstagabend ein Abendessen in der Shouning Lu. Um auf Nummer sicher zu gehen was Qualität und Minimalstandards an Hygiene angeht, suchte ich einen Stand, wo viele Besucher anstanden bzw. die Tische in den Räumen hinter dem Stand mit Besuchern gefüllt waren. Ich stellte mich also vor einen Stand mit roten-schillernden Langusten und kochbereiten Krabben. Überraschenderweise sprach ein Kunde in mittlerem Alter sogar englisch! Von ihm habe ich mir gleich die Preiskonditionen erklären lassen und daraufhin auch geordert. Was allerdings in der leicht lückenhaften Konversation unterging: Abgerechnet wird bei den Langusten nicht nach Stückzahl sondern nach “Yin” -> der chinesischen Gewichtseinheit für Pfund. Als ich also “qī” geordert habe von Krebs und Languste, kriegte ich auch einen Krebs, bei Langusten wurde mir allerdings ein halbes Kilo dampfend und pikant am Tisch serviert.

Dampfende Bleche voller feuerroter Langusten, die frisch aus dem blubbernden Sud des Kochbottichs gefischt wurden.

Überhaupt war der ganze Prozess des Abendessens ein Abenteuer. Während ich auf meine Bestellung wartete, wurde mir ein Platz zugewiesen und meine “Bewaffnung” bereitgestellt. Als Ausrüstung für das Mahl erhielt ich ein Schüsselchen von heller Sojasauce/Essig, eine kleine Metallwanne, Plastiküberzieher für die Hände und ein niedliches Paar Einweg-Essstäbchen … und die Wirtin warf mir einen herzlichen Blick zu der sagte: “Viel Glück, weitgereister Fremder!”

Am Nachbarstisch lärmte eine mittelgroße Familie bei eimerweise Langusten, gebratenem Gemüse, Muscheln etc. Hier konnte ich mir schon etwas abschauen, wie die Sache mit den Plastiküberziehern zum Pulen der Schalentiere funktionierte.

Schließlich wurde mein kleiner Bottich mit dem halben Kilo rotgegarter Langusten serviert. Gibt es im Knigge ein Kapitel über “Wie isst man Langusten”?

Nach einem meditativen Moment (-> och ja der Gefahrensucher – in was bin ich hier wieder hereingeraten) griff ich die erstbeste Languste und fragte mich beim Abtasten des warmen, fettigen Chitinpanzers: Welchen Trick muss man anwenden um möglichst sauber an die essbaren Stellen zu kommen? Die Chinesen an den Nachbartischen pulen kurz und saugen sie dann aus. Aber vorab: Welche Teile sind überhaupt essbar?

Es war wieder eine Lehrstunde in veterinärer Anatomie: Lektion 2.3 – Anatomie der Languste. Ich war gleichsam neugierig, als vorsichtig, ob ich mir vielleicht das Wochenende versaue, wenn ich ungenießbare Teile der Krustentiere mitesse … Prinzipiell sollte durch das Abkochen so ziemlich alle schädlichen Bakterien abgetötet worden sein. Nach 2-3 Langusten, die ich akribisch sezierte um an das schmackhafte weiße Fleisch zu kommen, verabschiedete ich mich vom Gedanken die Panzerung und Spinnenbeinchen sauber vom Fleisch zu tretten und aß einfach, was ich von der groben Schale trennen konnte: Chitin ist doch gesund, oder?

Wenig später wurde mir auch der Krebs am Tisch serviert – so we meet again buddy.

Wie ich später im Hotelzimmer auf wikipedia nachlies, handelte es sich allerding bei der shànghǎier Delikatesse der aktuellen Saison nicht um einen Flusskrebs, sondern um die chinesiche Wollhandkrabbe (mitten crab).

Tatsächlich fiel mir die wollige Schere auf, was ich zuerst für Dreck aus dem Yangtze hielt und erstmal liegen ließ:

1. Known as “hairy crab” (毛蟹) in English, the local name of the gourmet seafood is dazha xie, or big sluice crab (大闸蟹). Although it falls under the same family of hairy crab, only those heavier than 150 grams can be classified as dazha xie.

Chinesischer Name ähnlich der Metro-Station Dashijie an der ich einsteige, ich glaube hier nicht an einen Zufall, denn der Name der Station in chinesisch wird nahezugenauso geschrieben, wie die Krabbe: 大闸蟹 Krebs

Das beste zarte und weiße Fleisch an der Krabbe verbirgt sich jedoch in den Beinen und tatsächlich den schwer knackbaren Scheren. Die Mühe jene Scheren aufzubrechen wird mit einem kleinen, weiß-silbrigem aber wohlschmeckenden Fleischfetzen honoriert. Die eigentliche Delikatesse der Krabbe ist die innere gelbliche Flüssigkeit. Anfangs überlegte ich, ob man die überhaupt mitessen kann. Ich tat es – glücklicherweise 🙂

Der pulende Kampf durch die Chitinpanzer, Krabbenscheren und -beinchen fühlte sich an wie Stunden. Durch die praktische Beschäftigung mit Krustentieranatomie und Schlemmerei mit Langusten- und Krabbenfleisch trat auch ein wohliges Sättigungsgefühl ein. Nach dem Verschleiß von 3 Plastiküberziehern beim Genuss meines Yin Langusten und der kleinen Wollhandkrabbe, war ölig verschmiert, hatte fetzen von Krebsfleisch und Langustenpanzer zwischen den Zähnen aber war glücklich.

Noch später im Hotelzimmer haftete der herrliche Geruch von Chili-Öl, Salz, Paprika und diversen anderen Gerüchen die ich nicht zuordnen kann, aber ein unnahahmliches/beeindruckendes Barbecue-Boquet mit sich trägt. an meinen Händen und Klamotten

Mittlerweile habe ich auch aufgeholt, wie man Wollhandkrabbe im Restaurant isst – allerdings ist das schon gehobenes Niveau mit besseren Werkzeug als mein rustikel-barbarisches Essgelegenheit

http://www.culinarybackstreets.com/shanghai/2013/good-claws-hairy-crab-season/

Jetzt bin ich tatsächlich in der Shouning Lu angekommen. Nach 22 Uhr geht dort auf dem von zuckend animierter Neonreklame erleuchteten Asphalt nochmal richtig die Post ab.

Wochenendeinkauf auf den Lebensmittelmärkten in alten Seitenstraßen Shànghǎis

Leser mit schwachem Gemüt oder leicht reizbarem Magen sollten ihren aktuellen Gemütszustand prüfen, vor dem Weiterlesen.

In diesem Kapitel widme ich mich Lebensmittelmärkten die ich abseits der Touristenrouten in Seitenstraßen der “traditionellen” Wohngebiete Shanghais erlebte. Es ist tatsächlich ein Erlebnis. Dagegen schrumpfen die überfüllten deutschen Lebensmittelmärkte am Samstagsvormittag auf einen Kindergeburtstag. Auf den Straßenmärkten die ich in Shanghai am Wochenende erlebte, herrschte dichtes Gedränge – Straßenmarkt bedeutet hierbei wortwörtlich “auf der Straße”. Viele Stände haben nicht mal Tische, sondern präsentieren die bunte Auslegeware direkt auf Decke oder Plane an der Straße.

Hier gibt es nichts, was es nicht gibt.

Manch einem würde sich wahrscheinlich nur beim Gedanken der Magen umdrehen. Ernsthaft, ich warne nochmals: letzte Chance noch den Artikel zu schließen. Bilder dazu gibt es aus Gründen der Fairness gegenüber den schwachen Gemütern nicht direkt in diesem Artikel, sondern demnächst in meinem Picasa Account. [Update 10-SEPT-2014Hier das Bilderalbum zum Beitrag. Videos sind mittlerweile hier auf youtube zu finden.

Was wird auf den Lebensmittelmärkten angeboten? Logischerweise rohes Obst und Gemüse, Getreidesorten, Gewürze, Hülsenfrüchte etc. etc. Desweiteren Fleisch, Fisch, Schalen-, und Krustentiere und eine Vielzahl anderer Meeresfrüchte.
Was ich den chinesischen Einkäufern zugute halten kann: Die Ware muss frisch sein. Viele Kleintiere die für den Kochtopf bestimmt sind, werden auf dem Markt noch lebend angebote. Allen voran: Fische aller Größen, Farben und Exodusstadien. Krebse, Krabben, Sepien, Aale und Meeresfrüchte. Meist stehen Wasserwannen an der Straße, in denen die Meeresbewohner auf ihren Abnehmer warten.

Naturlich gibt es auf dem Markt auch Hühner und Enten. Apathisch warten sie hier auf den Käufer oder die Hinrichtung auf der Straße. Ich habe auf einem Markt, den ich nach meinem Jadebuddha-Besuch erkundete, gesehen wie die Hinrichtung vollzogen wird: Die Ente wurde in einen Topf mit kochendem Wasser getaucht und danach gerupft – weitere Kommentare erspare ich dem Leser -> Eine vom Siedewasser triefendnasse Ente kann einen Hundeblick aufsetzen …

Für Kunden die ihre Fleischbeilage nicht ganz so frisch brauchen, gibt es Hühner und Enten in diversen Verarbeitungsstufen: gerupft oder geköpft, zerteilt, schon zerlegt in Rumpf, Flügel, Füße oder noch weitere Einzelteile. Was für frisch geschlachtetes Huhn gilt, gilt gleichermaßen für Fisch, Aal, Tintenfisch und Co.:
Kurzer Prozess mit dem scharfen Schlachtmesser und dann gleich am Stand ausnehmen. Triefend-glitschiges Gedärm landet entweder neben dem Stand oder in bessern Fällen in einem Eimer für Schlachtabfälle. Manche Tiere werden aber auch lebend gekauft und in Platiktüten nach Hause getragen. Schalen- und Krustentiere bilden Ausnahme im Verarbeitungsprozess. Da sie lebend in den Kochtopf müssen, werden diese auch lebend verkauft; meist verschnürt, damit sie nicht entwischen können und mit Eis werden sie zusätzlich in Kältestarre gehalten.

Größere Tiere habe ich auf dem Markt nicht lebend gesehen. Hier wurden die Körperteile schon für den Markt vorbereitet – alle Teile der für Shànghǎi typischen Küche: Schweinekopf (in verschiedenen Phasen der Verwertung – z.B. Kopf ohne Rüssel, mal nur der Rüssel oder Ohren, Schweinepfötchen, Enten-/Hühnerbeine (entweder im Ganzen, kurz vor der Zubereitung in mundgerechte lange Krallenstücke gehackt). Alles was der Abdecker übrig lässt, gilt hier noch als beliebte Delikatesse oder Zwischensnack.

Oder in der Mitte geteilte Fische. Fast ausschließlich findet man die Fische mit weißem Fleisch bei denen man dann sehr gut die raushängenden, rötlich schimmernden Därme erkennt. Hier findet der Abnehmer die unbehandelte Fleischware gleich neben der Gemüseabteilung des Nachbarstandes. Wie war das noch gleich mit dem Verwenden von unterschiedlichen Hackbrettern für Fleisch und rohes Gemüse?

Der Geruch auf solchen vollgestopften Märketen in Seitenstraßen ist unnachmlich: salzig, faulig, süßlich, bitter, stechend, wohlig, auch chemisch, rauchig, schmierig feucht … hier hat man eine Mischung aus diversen Gerüchen. Ein Wechselspiel aus tierisch-menschlichen Ausdünstungen und industriell-chemischen Endprodukten. Abgestandener Blutgeruch und Gedärm wie in einer Schlachterei – nur ohne die Hygieneseife. Dann die Abgase der Straße: Benzin und Styrolyseprodukte. Die schwüle Luft und drückend stehende Hitze lässt eine Melange gären, die eine Aufgabe in der Meisterprüfung eines Parfümmischers sein könnte.

Auch die Geräuschkulisse ist ein Erlebnis: Lärm von tuckernden Auto- und Mopedmotoren, surrende Elektroroller, Hupen, greinende Menschen, schimpfende und mäkelde Kunden bei der Warenbeschau, weinende oder kreischende Kinder, lachende, singend/summende Muttchens, Hundegebell, vereinzelt Gegacker von Hühnern, das Klatchen von Fischen und Aalen in ihrem Wannengefängnis. Auch Klatschen auf die Straße, wenn Fische/Aale mit einem verzweifelten Sprung der kleinen Waschwanne tatsächlich entkommen – und nur kurze Zeit später vom fluchenden Verkäufer wieder eingesammelt werden.

 

Lieber Leser, danke für die Aufmerksamkeit bis hierhin. Leser kann froh sein, dass es noch keine Möglichkeit gibt die Gerüche aufzunehmen und hier bei wordpress mit dem Artikel zu verknüpfen. Obwohl man die alten Seitenstraßen und Hinterhofgarküchen Shànghǎis am besten mit allen Sinnen erlebt;-) Erleben ist das Wort der Wahl.

我家餐厅 – Wǒ jiā cāntīng – Ich zuhause in Kantine :-)

Sonntag 24-AUG-2014
Zum Mittagessen sollte es diesmal wieder eine Spezialität aus Shànghǎi werden. Im Lonely Planet war ein Restaurant im French Consessision aufgeführt, was angeblich nur lokale Küche auftischt – speziell Fisch und Meeresfrüchte. Laut LP Beschreibung gutes Preis-/Leistungsverhältnis. Man solle nur nicht zu viel vom Service erwarten. Da das Lokal mit Namen 我家餐厅 (Wǒ jiā cāntīng) im schicken French Consession liegen sollte, kam bei mir wieder Skepsis auf, doch mir war nach Fisch und Meeresfrüchten. Warum nicht ausprobieren? Ich kann mit meinem kaum vorhandenen mandarin sogar einen Großteil des Restaurantnamens übersetzen 🙂

Allerdings, die Adressbeschreibung mutete etwas seltsam an: Das Haus sollte mit Adressangabe an einer mehrspurigen Straße liegen, weitere Bezeichnung war “Lane” und dann erst die Hausnummer.
Tatsächlich lag das Haus mittig in einer abzweigenden Seitenstraße. Die Hausnummer habe ich gefunden, auch ein kleines rotes Schild über der Tür sagte 我家餐厅,  dass ich das Lokal gefunden hatte, nur sah es ganz und gar nicht nach einer Gaststätte oder Restaurant aus. Es war ein ganz normaler, kleiner Hauseingang eingezwängt in Mehrfamilienhäuserblock/-zug. Sehr ungewöhnlich. Keine wirklichen Anzeichen für ein Restaurant abgesehen vom Schild über der Tür mit Aufschrift 我家餐厅.

"Lane" - Seitenstraße

“Lane” – Seitenstraße

In dieser Seitenstraße liegt die Gaststätte

In dieser Seitenstraße soll das Restaurant liegen

Soll das der Eingang zum Restaurant sein?

Soll das der Eingang zum Restaurant sein?

Die Tür stand halboffen und gab den Blick in den beladenen Hauseingang frei. Hinter der Schwelle stand ein Haustierkäfig in welchem eine Katzenmutter ihre Jungen säugte. Vergilbte Wände, irgendwo spielte ein Radio. Restaurant? Auf mein “Ni hao?” kam keine Antwort. Um ganz sicher zu gehen, fragte ich den Pförtner jener Seitenstraße: “我家餐厅?” Er nickte bestätigend: “我家餐厅” – wǒ jiā cāntīng. Mir schien die Situation seltsam, aber ich dachte: “Also los, ab ins Abenteuer: wǒ jiā cāntīng!” Ich betrat den halbdunklen Korridor und ging immer geradeaus auf die nächste Korridortür zu.

Katze im Hauseingang

Katze im Hauseingang

Korridor im Hauseingang

Korridor im Hauseingang

… hinter dieser landete ich in einem mit ausgebleichten roten Teppichen und Wandbehängen ausgekleideten Raum. Dort standen mehrere runde Tische wie man sie für Essensgesellschaften in China nutzt. Außerdem saßen drei Chinesen im Raum verteilt. An einem Tisch hing ein Mann mit seiner Zigarette am Aschenbecher, dann noch ein anderer Mann in beiger Kleidung – scheinbar Koch – und eine Frau. Als mich die Tür in jenes Zimmer ausspuckte, verstummte die Unterhaltung der drei wie mit dem dumpfen Klopfen eines Küchenbeils. Wenn ich schon ihre Aufmerksamkeit hatte, so fragte ich ob sie englisch können:”Yi wen?” – Ich blickte in fragende Gesichter. Also entweder stimmte mal wieder meine Betonung der Frage “Englisch?” nicht, oder die drei sprechen weder englisch noch chinesisch. Dann unternahm ich noch einen Versuch: “Dibuqi, wǒ jiā cāntīng?”
Die Konfusion löste sich nicht.
Der Mann mit Zigarette ergriff die Initiative unter den dreien und bellte los. Er erkannte, dass ich kein Wort seines chinesischen Lamentierens verstand und schnatterte daraufhin munter weiter. Oder sprach er shanghainesisch? Jedenfalls quasselte er weiter auf mich ein und gestikulierte dann Richtung gegenüberliegender Tür. Die habe ich dann auch genommen.
Das Abenteuer ging weiter, denn ein niedriger, schief gefliester Durchgang führte an der Küche vorbei …

Vorratskammer im Küchendurchgang

Vorratskammer im Küchendurchgang

Küche

Küche

Küche

Küche

Kücheneingang

Kücheneingang

Vorratsbereich im Küchenkorridor

Vorratsbereich im Küchenkorridor

Wo bin ich hier gelandet?

Wo bin ich hier gelandet?  我家餐厅, wo denn sonst?

… in einen kleinen, spartanisch eingerichteten Raum. Dieser sah mit Tischen und Bänken schon eher nach Gaststätte aus. Die weiße Einrichtung wirkte urig. Hier wurde ich mit gleichgültigem Blick vom vermeintlichen Gastwirt willkommen geheißen …

Die eigentliche Gatstätte

Die eigentliche Gatstätte

… hier bediente scheinbar noch der Herr des Hauses persönlich. Er war Ende fünfzig/vielleicht schon in seinen Sechszigern. Mit schlaffer Handbewegung ließ er das laminierte Heftchen, dass die Speisekarte  darstellter vor mir auf den Tisch patschen.
Das chinesiche Menu hatte zu meiner Überraschung putzige englische Übersetzungen der einzelnen Speisen. Es gab auch tatsächlich Fisch auf der Karte. Da ich Tintenfisch probieren wollte, und in der Karte auch fündig wurde, bestellte ich Tintenfisch mit “salzigem Gemüse”- wobei ich gelernt habe englischen Übersetzungen von chinesischen Speisen zu misstrauen.

Händewaschen auf der Toilette an der ich vorher vorbeikam. Ich kam wieder durch die halboffene Hinterhofküche, wo der Koch mit einem Hackebeil den Kalmar vorbereitete. Hätte ich mir den Anblick ersparen können? Es schien, dass der Kopffüßler die letzte Zeit in der Tiefkühltruhe verbracht hatte … Immerhin, wenig später wurde dampfend-heiß serviert und damit waren die Tintenfischstreifen zumindest durchgegart.

Außerdem gab es Tofu mit getrockneten, stark gesalzenen Fischstückchen. Die Mahlzeit deckte mühelos meinen Wochenbedarf an Salz.

Sepia / Kalmar
Sepia / Kalmar

Mittagessen

Mittagessen

Tofu mit eingesalzenem Fisch

Tofu mit eingesalzenem Fisch

Der Gastwirt ließ sich nicht von meiner Anwesenheit stören bei seinem Kassensturz . Ich saß in seinem Rücken. Entweder ist er ausländische Gäste gewohnt oder er war genervt und wollte es sich durch die Flucht in sein Kassenbuch nicht anmerken lassen.

Der anderer Mann von nebenan trat herein und musterte mich verhalten, aber mit merklicher Neugier. Obwohl er mit seinem Rotzhochziehen, umständlicher Art sich die nächste Zigarette anzuzünden und erhobenem Kinn den starken Mann markieren wollte, verriet seine unsichere Körperhaltung und sein verwundert, neugieriger Blick, dass er nicht so genau wusste, was er von meiner Anwesenhwit halten sollte.

Auch der Koch ließ es sich nicht nehmen argwöhnisch aber neugierig den fremden Gast zu begutachten, der scheinbar besser mit Esstäbchen umgehen kann, als vermutet. Unter dem Vorwand etwas mit dem Chef klären zu wollen, kam der Koch aus der Küche herüber und warf einen unkenden Blick in meine Richtung. Um ihm zu zeigen, wie gut mir das versalzene Gemüse schmeckte, begann ich komplimentierend zu schmatzen.

Dass ich nach dem Begleichen meiner Rechnung gerne vom Gastwirt den Zettel haben wollte, auf dem er meine Bestellung notiert hatte, verstand er nicht so recht. Die Rechnung war korrekt. Ich wollte den Zettel nur als Andenken an diesen “Culture Clash” – und natürlich um später bei einem chinesischen Nachzufragen, was bei meiner Bestellung notiert worden ist. Als Trost gab mir der Chef drei Zettel aus einem Quittungsheftchen.
Als ich mich zum Gehen Richtung Küche abwandte, kam durch eine gegenüberliegende Tür ein junges chinesisches Pärchen. Aha, gibt scheinbar auch einen richtigen Haupteingang statt der Hintertür. Ob dies der Lonely Planet schon wusste? Den Hintereingang hatte ich bereits lieb gewonnen und ich lies es mir nicht nehmen wieder den Hintereingang zu benutzen. Auf dem Weg nach draußen schoß ich noch ein paar Fotos zur Dokumentation dieser ungewöhnlichen Gaststätte.
Beim Verabschieden sagte der Koch der im Wohnzimmer saß noch “Tschüss!” – Das der Koch – wohl eher zufällig als gewollt – ein Wort deutsch konnte, setzte diesem kuriosen Essen noch die Krone auf.

Reiskocher im Flur

Reiskocher im Flur

Zweite Küche

Zweite Küche

我家餐厅 – Wǒ jiā cāntīng – Ich zuhause in Kantine 🙂