Eine Tempeltour geht noch: Die Pagode von Longhua – Buddhistischer Wolkenkratzer

Sonntagmorgen 23-AUG-2014
Relativ früh bin ich gestartet und leider durch Metrofahrt und längeren Fußmarsch trotzdem erst nach Toröffnung am Longhua Tempel im Südwesten Shanghais angekommen. Es herrschte schon starker Andrang. Touristengruppen kamen in Reisebusladungen an, um einen der ältesten Tempel Shanghais zu sehen.
Zudem schienen im Tempel noch Vorbereitungen für ein Refugium oder eine Art Gottesdienst im Gange zu sein, was die Menschenansammlung durch Gläubige noch zusätzliche verstärkte. Entweder ist der Eintritt zum Tempel frei oder in dem Trubel um die Andachtsvorbereitungen wurde nicht so genau abkassiert. Ein Verschlag in der Außenmauer das bei anderen Tempeln zum Ticketverkauf genutzt wird, wirkte an jenem Morgen verwaist.

Einer der vielen Schreine  im Longhua Tempel

Einer der vielen Schreine im Longhua Tempel

Alleinstellungsmerkmal der Tempelanlage von Longhua ist ihre letzte noch erhaltene große Pagode vor den jetzigen Tempelmauern. Betreten darf man sie allerdings nicht. Ist auch besser so. Attraktionen wie der schiefe Turm von Pisa oder der Eiffelturm halten durch permanente Instandhaltung den großen Besucheransturm aus. Bei dem Fluss von chinesischen Touristen die an den Wochenenden durch Tempelanlagen pilgern, müssten Pagoden auch permanent instand gehalten werden. Solche Aufwände sprengen womöglich das Budget von Klöstern.

Am Fuße der Pagode

Am Fuße der Pagode

Pagode von Longhua

Pagode von Longhua

Jene Pagode büßt leider durch die Umzingelung von Baustellen an ihrer Fotogenität ein. In Shanghai wird gebaut – überall, zu allen Tageszeiten und an jeglicher Infrastruktur. Straßen, Brücken, Metro und vor allem: Hochhäuser und Hochhäuser und noch mehr Hochhäuser.
Einige wenige “Buddhistische Wolkenkratzer” stehen zumindest noch an der ein oder anderen Stelle in Shanghai.
Über die Verwendung der noch übrig geblieben Pagode von Longhua hätte ich gerne mehr erfahren. Zumindest ob es sich hier um eine Pagode für die Aufbewahrung der Buddhafigur handelt oder als Grabstätte für Lehrmeister gebaut wurde. Buddhistische Wolkenkratzer.

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Fortsetzung der Tempeltour – Wo die Münzen klimpern … in vielfacher Deutung

Samstag 23-Aug-2014
Morgens habe ich den vom Lonely Planet empfohlenen Jade Buddha Tempel besucht. Dieser Tempel gehört zu den größeren und auch wieder kommerzielleren. Neben den vielen Gläubigen schlenderten mehr Touristen herum als in den Tempeln die ich letztes Wochenende betrat. Den Hype um den Tempel verstehe ich nicht. Effekt von Reiseführerempfehlungen?

In Shanghai sind Leute ohnehin schon früh unterwegs um die relative Frische zu nutzen. Selbst kurz nach Toröffnung war schon großer Andrang an Gläubigen. Sie beteten wippend, nebelten deb Innenhof mit bündelweise aufgebahrten Raucherstäbchen ein oder versuchten Münzen in meterehohe “Gebetsgefäße” zu werfen. Letzteres ist nicht ganz so einfach, weil man die kleinen Öffnungen in ca. 2 M Höhe treffen muss.  Den meisten gelangen nur Fehlwürfe, was man auch ohne Hinzusehen an der hell klimpernden Geräuschkulisse wahrnehmen konnte.
Das ist ein bleibender Eindruck, den ich noch Stunden später hatte: Derbes Münzenklimpern und der Duft von Räucherstäbchen.

Jade Buddha Tempel - Patio

Jade Buddha Tempel – Patio

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Jade Buddha Tempel – Die Hauptattraktion: Überlebensgroße Siddhartha-Figur aus Jadegestein

Die Hauptattraktion im Jade Buddha Tempel ist – wie der Name schon sagt – eine überlebensgroße Buddha Figur aus Jadegestein. Dieses Siddharta -Bildnis sitzt in einem abgetrennten, wohlklimatisierten Raum und wartet auf zahlende Besucher, denn ein Blick auf jene Jadefigur ist nicht im Eintrittspreis für den Tempel enthalten, sondern wird getrennt mit weiteren ¥10 aufgeschlagen. Der weitere Eintritt lohnt sich allerdings. Zum einen weil die gebetsmühlenartig surrende Klimaanlage eine willkommene Abkühlung zur schwülen Stadtluft bietet, zum anderen findet man in den Gängen zu diesem Raum einige filigrane Schnitzereien aus Baumstämmen und detailreichen Altarschmuck aus Edelmetallen.
Den weiteren Vormittag erlebte ich einen Lebensmittelmarkt und verlegte zum Jing’an Tempel.

Dieser Tempel wurde über mehrere Jahre restauriert und ist scheinbar erst seit kurzem wieder komplett geöffnet. Der Eintrittspreis aus dem Lonely Planet ist bereits veraltet. Das liegt vielleicht daran, dass nach abgeschlossener Restauration wahrscheinlich eine Geldspritze nötig ist.

Goldene Pagodendächer strahlen in der Sonne (soweit die Sonne zwischen den Kondenswolken bzw. der Smogschicht hervorlugte). Die um den Tempel Szenerie könnte kaum grotesker und kontrastreicher sein: Direkt neben einer Einkaufshalle für Luxus-Marken, bedrängt von meterhohen Reklamefassaden und umringt von Hochhäusern steht die Tempelanlage. Ein Ort der für Besinnung, Gebet und Meditation gebaut wurde, ist nun eingekesselt von mehrspurigen Hauptverkehrsadern und hat Gesellschaft von modernen Konsum- und Wirtschaftstempeln erhalten.

v.l.n.r: Jing'an Tempel (vorne links), Wirtschaftstempel (hinten mittig), Konsumtempel (vorne rechts)

v.l.n.r: Jing’an Tempel (vorne links), Wirtschaftstempel (hinten mittig), Konsumtempel (vorne rechts)

Da der Tempel auch Berühmtheit erlangt hat, wirkte er auf mich ebenfalls touristischer und kommerzieller, als alle die ich bisher besucht habe. Der Jade Buddha Tempel wirbt mit seiner Jadefigur als Touristenmagnet. Auch der Jing’an wirkte auf mich nicht mehr wie eine rein religiöse Stätte, sondern auch als Anzugspunkt für Besucher. Zwischen den mit Räucherstäbchen wedelnden und Opfermünzen klimpernden Gläubigen wanderten mehr und mehr Touristen, als ich es in vorigen Tempeln wahrgenommen habe. Nicht nur für westliche Toursiten, auch viele Asiaten ziehen mit klickenden und blendengeräuschsimulierenden “Smartphones/Tablets” durch den Patio und die Maueraufgänge. .

Zugegeben, die Kulisse, das Ambiente, die im Sonnenlicht gleißende, restaurierte Goldbeschlag sind tolle Fotomotive.

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Tempeltour – Den würzig süßen feuchten Geruch von Räucherstäbchen im Regen aufsaugen

Sonntag 17-AUG-2014

Nach dem Frühsport und Frühstück tat ich einen kurzen Blick aus dem Fenster bzw. trat auf den Balkon. Dabei stieß ich einen Fluchen aus, weil es stark regnete, jedoch mein Plan vorsah vormittags ein paar Tempel und den Yuyuan Garten zu besuchen vor dem großen Menschenandrang. Nach kurzer Überlegung beschloss ich das Beste aus der Situation heraus zu holen und tatsächlich meine geplanten Außenaktivitäten durchzuziehen. Für Schreibtischarbeit bot sich das Regenwetter zwar an, denn ich musste noch Einiges für den Start der Arbeitswoche vorbereiten. Da allerdings Arbeit bedauerlicherweise nicht wegläuft, schob ich es auf den Nachmittag/Abend, falls es weiter regnen sollte*. Womöglich schreckt das Regenwetter einige Familien vom Gartenbesuch am Sonntag ab und es ist weniger Andrang. So spazierte ich unterm Regenschirm in den Wolkenbruch mit teilweise kirschkerngroßen Regentropfen. Nach 2-3 Minuten waren meine Schuhe durchweicht ohne die Metrostation für den Start meines Trips überhaupt erreicht zu haben.

Zuerst besuchte ich das buddhistische Chenxiangge Nonnenkloster .
Schon am Eingang waberte mir ein ganz eigener würziger Geruch von Räucherstäbchen und Feuer im Regen entgegen. Buddhistische Klöster bzw. Tempelanlagen sind rechteckig umbaut mit einem großen Innenhof in dem ein Feuer brennt. Daren wird das Bündel Räcuherstäbchen entzündet, was Gläubige beim Beten in den Händen halten.

Der süßlich würzige Räucherstäbchengeruch sollte mich desöfteren an diesem Tag begleiten – manchmal vor lauter Qualm sogar den Atem rauben. Aber lieber die Räucherstäbchen, als den alltäglichen Smog, der Shanghai einhüllt.
Aus Respekt habe ich erst keine Fotos in den Tempelanlagen geschossen. Später wurde ich dann dreister und habe ungeniert fotografiert.

Im Anschluss besuchte ich den daostischen Tempel des Stadtgottes am Yuyuan Garten.
Hier herrschte bereits starker Andrang. Ich hatte das Gefühl, dass dieser Tempel durch die Nähe des Yuyuan Gartens auch bekannter ist und schon auf professionellem Level mit dem Andrang von Gläubigen umgeht. Im Kloster war ich der einzige Tourist. Überhaupt war ich einer der wenigen Besucher. Außer mir lief nur eine Dame mit ihrer Tasche voller Opfergaben von Alter zu Altar, betete, stellte ihre Gaben auf den Altar und schmiss klappernd ein paar Münzen in die Kollekteboxen vor den Altären.

Anders stellte sich die Situation im Tempel des Stadtgottes dar: Viele, viele Gläubige, die betend den Innehof mit Räucherstäbchen einnebelten. Hier fielen die ersten Atemzüge schwer. Aber der Rauch beruhigt auch irgendwie … im Regen allerdings ein ganz eigener Geschmack.

Zum Schluss meiner Tempeltour bin ich noch in den buddhistischer Tempel nahe meiner Unterkunft gegangen.
Der Pförtner sagte  irgendwas von ¥5. Hierbei bin ich mir nicht sicher, ob es sich tatsächlich um den Eintrittspreis handelte oder ein Missverständnis von seiten des Pförtners war. Denn nachdem ich ihm ¥5 gab, drückte er mir ein Bündelchen Räucherstäbchen in die Hand. Ich dachte bei mir: Soweit das beste Preis-Leistungsverhältnis. Die vorigen Tempel haben mindestens 10¥ Eintritt verlangt. Das beinhaltete tatsächlich nur den Eintritt – Räucherstäbchen kosten extra. Also genauso wie in europäischen Kirchen, wo man für Andachtskerzen auch ein paar Euro abdrücken muss, wenn man sie in der Kirche kauft.

Die kleine Tempelanlage bietet eine interessante Kulisse die vom Ungewissen über die weitere Ausbreitung der modernen Urbanisation erzählt. Dieses Viertel, was mein Reiseführer “Old Town” nennt, ist so authentisch geblieben wie es wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten ist – ohne Gebäude, die höher als 1-2 Stockwerke gebaut sind. Ganz im Gegensatz zum gewohnten Stadtbild, in dem sich die Spezies “Wolkenkratzer” ausgebreitet hat**.

Auf dem Weg zum Tempel habe ich weitere Eindrücke von der ungeschminkten Mikrowirtschaft der Nebenstraßen und Hinterhöfen bekommen. Dazu aber in einem gesonderten Artikel über “Essen und Marktleben auf der Straße” 😉

Zum Schluss vor dem Mittag noch kurzer Abstecher auf den (Haus-)Tiermarkt. Hier gibt es Katzen, Hunde, Kaninchen, Kanarien und sonstige Singvögel, Schildkröten, Fische, Käfer und vor allem Heuschrecken. Es herrscht ein Lärm von zirpenden Heuschrecken in dieser Markthalle und ein seltsamer Geruch, wie in einem Strohsilo. Ich habe mir die Frage gestellt ob es sich bei den zur Feil gebotenen Tieren tatsächlich um Haustiere handelt oder ob hier Züchter über ihre Heuschrecken/Käfer fachsimpeln oder ob die Tiere für den späteren Verzehr gedacht sind – vielleicht auch eine Kombinationen aus dem Genannten? Aber eins wird deutlich beim Besuch dieses Marktes: Heuschrecken zu züchten ist ein ernstes Geschäft – serious business.

Mittagessen hatte ich in der Yunnan, Verdauungsspaziergang habe ich um den Westteil des People-Square inklusive People’s Park unternommen.

Unterm Strich trotz verregnetem Start und überhaupt wackliger Vorbereitung des Wochenendes war es ein netter Tag.

* Ja, es sollte noch weiter regnen. Ganze 4 Tage und erst am Donnerstag klarte es auf … ich hatte jeden Tag nasse Füße.

** Mittlerweile habe ich im SUPEC dazugelernt, dass in Shanghai gewisse Stadtgebiete in ihrer authentischen Form erhalten bleiben sollen – so zumindest die Stadtplanungspropaganda. Ob dazu auch das Viertel zu Füßen der Fraser Residence gehört, weiß ich nicht …